Das Leben in Coronavirus-Isolation

Stavropol (Stawropol) hat es endlich in die internationale Presse geschafft. Leider mit einem sehr unrühmlichen Vorfall. Die führende Spezialisten für Infektiologie des Stavropoler Gebietes hat aus einem Kurzurlaub in Spanien den Coronavirus eingeschleppt.

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Welch Ironie. Da hat sich die Dame einfach nicht in die Selbstisolation begeben, wie sie dies in einer Fernsehsendung einen Monat zuvor noch von ihren Mitmenschen gefordert hatte („soziale Verantwortung jedes einzelnen“). Stattdessen besuchte sie fleißig Krankenhäuser und die medizinische Uni in ihrer Funktion als Ärztin und Dozentin. Um irgendwann festzustellen, dass es ihr nicht so gut geht. Während sie auf der Intensivstation lag und der Test auf Corona als positiv gemeldet wurde, diskutierte die Öffentlichkeit diesen Fall heftigst. Die Empörung ist riesig! Eines der Grundprobleme der russischen Gesellschaft zeigt sich hier besonders deutlich: Gesetze und Vorschriften sind für die kleinen Leute, je weiter oben man sich in der gesellschaftlichen Hierarchie befindet, desto weniger gelten Paragraphen für die Mächtige(re)n.

Zu diskutieren gibt es eh genug in diesen Tagen in Russland. Die Abstimmung zur Verfassungsänderung im Volke, die am 22. April stattfinden sollte und Putins bisherige Amtszeiten „annuliert“, wurde zunächst auf unbestimmt verschoben. Hatte man doch schon geunkt, dass es bis dahin keinen Coronavirus geben würde, damit noch schnell-schnell alles über die Bühne gehen würde. Nun hat Putin vor ein paar Tagen die Woche vom 28. März (Samstag) bis 5. April (Sonntag) unter Weiterzahlung der Gehälter in staatlichen Einrichtungen für arbeitsfrei erklärt. Klingt gut? Der Ehemann ist sofort genervt, dass sich Putin jetzt auch noch als sozialer Retter aufspiele. (Stichwort: gleichzeitige Anhebung der Arbeitslosenhilfe, Aussetzung von Krediten etc.). Die Babuschka kann die Kritik an ihrem Präsidenten nicht verstehen. Seit dem Kurztrip mit ihren Arbeitskolleginnen nach Tschetschenien – ein beliebter Tagesausflug – hängt Putin demonstrativ mit Kumpel Kadyrow an ihrem Kühlschrank. Als Kindergärtnerin hat sie übrigens vor zwei Tagen überraschend eine Sonderzahlung auf ihr Konto erhalten.

Der Gouverneur in Stavropol hat zusätzlich verfügt, dass ab dem 28. März alle Geschäfte, Restaurants, Fitness-Clubs, Schwimmbäder usw. schließen müssen. Die Unis sind ja bereits seit dem 16. März im Fernunterricht. Die Schulen im Stavropoler Gebiet haben seit dem 23. März zunächst für zwei Wochen regulär Ferien Bei den Kindergärten ist die Situation etwas merkwürdig. Hier herrscht das „freiwillige Regime“, die Kindergärten sind also grundsätzlich geöffnet (außer nächste Woche), der Besuch der Einrichtungen ist freiwillig. Dieser Zustand ist in der Bevölkerung stark umstritten. Viele Menschen in Stavropol fordern in den sozialen Medien die Schließung der Kindergärten. Die Quarantäne für Kindergärten war auch schon vor einer Woche angeordnet, dann aber wieder zurückgenommen worden. Verwirrung. Unter dem Instagram-Account des Gouverneurs stellen besorgte Bürger seit Tagen immer wieder die Frage, warum man nicht einfach die Einrichtungen schließen würde? Der Gouverneur antwortet stets gleich: Nicht alle könnten ihre Kinder zu Hause betreuen, bestimmte Einrichtungen (Polizei, Teile der Stadtverwaltung, Krankenhäuser…) müssten ja weiter arbeiten. Doch offensichtlich befriedigt diese Antwort nicht. Die Babuschka in Zelenokumsk hatte sich letztes Wochenende ebenfalls auf die Schließung ihres Kindergartens vorbereitet, um dann am Montag doch wieder Kinder zu betreuen. Die Mehrheit der Eltern brachten diese Woche ihre Kinder in die Einrichtung. Von Panik in Zelenokumsk keine Spur. Masken würden aber trotzdem genäht. Außerdem kamen zur Babuschka neulich Leute von der Stadt, um sie darüber zu informieren, dass sie bei Fieber sofort zu Hause bleiben müsse. Wer ihr dann Lebensmittel bringen würde? Niemand? Damit wurde sie auf eine lange Liste von „zu Versorgenden“ gesetzt…

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Während in Deutschland mit dem Wort „Tschetschenien“ eher „Missachtung von Menschenrechten“ assoziiert wird, wird in Russland das touristische Potenzial der neugestalteten Stadt Grosny (Groznyj) erkannt.

Wie ist die Stimmung in Stavropol? Ich bin erstaunt, relativ wenig Skepsis an den Schutzmaßnahmen aus meinem Umfeld zu hören. Ich hatte mehr Widerstand, mehr Misstrauen erwartet. Schließlich haben die Einschränkungen des öffentlichen Lebens viel stärkere ökonomische Auswirkungen auf die Menschen hier, wo die soziale Abfederung gleich Null ist. Und wo die Frage „Was esse ich morgen?“ möglicherweise wichtiger ist, als die Frage „Könnte ich mich oder andere infizieren?“ Doch die Menschen in Stavropol sind tatsächlich wegen des Viruses besorgt. Meine Unikolleginnen haben alle ihre kleinen Kinder zu Hause, aus Angst vor Ansteckung. Selbst meine coolen Komikerkollegen reagieren vergleichsweise gelassen auf die Schließungsmaßnahmen. Bricht doch den meisten, die als Moderatoren und Entertainer in Clubs, Restaurants und auf Hochzeiten arbeiten, nun ihre einzige Einnahmequelle weg. „Dann fahr ich halt Taxi“, meinte einer. „Immerhin werden für die Selbstständigen die Steuerzahlungen ausgesetzt.“ Meine oppositionelle Freundin Katja sitzt mit kleiner Tochter und Mutter auf gepackten Koffern. Katja ist arbeitslos und ein Job in dieser angespannten Situation nicht in Sicht. Vermutlich werden sie bald in die Kleinstadt zurückgehen, wo sie noch eine eigene Wohnung haben. Genau das aber fürchtet Katja, denn die medizinische Versorgung außerhalb der Zentren sei quasi nicht existent. Inkompetentes Personal und keinerlei Ausstattung. „Das ist wieder typisch Russland…“ Damit beginnt Katja fast jeden Satz. Ich bewundere ihren stetigen Kampfgeist, auf Ungerechtigkeiten und Fehler im System hinzuweisen, mit dem sie sich in ihrem Umfeld nicht unbedingt beliebt macht. Meine andere Freundin, Sveta, arbeitet in einem Sportklub, der nun auch geschlossen wird. Immerhin muss sie keine Miete für die eigene Wohnung zahlen. Aber ob ihr Mann, der als Selbstständiger Arbeitskleidung verkauft, momentan Geschäfte macht? Schutzkleidung für Krankenpersonal hat er jedenfalls nicht, das ist überall schon aus. Dafür will sich die Familie mit Staubmasken als Atemschutzmasken eindecken.

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Sveta sorgt vor…

Warum wundert es mich, dass die Menschen Corona so ernst nehmen? Die Nachrichten aus Italien und Spanien und dem Rest der Welt wurden und werden natürlich auch hier verfolgt. Jedoch herrscht eine grundsätzliche Skepsis gegenüber jeglicher (offizieller) Berichterstattung in Russland, zumindest unter der jüngeren Bevölkerung. Was wird uns da wieder erzählt? Nutzt Putin Corona nicht einfach, um von den inneren Schwierigkeiten des Landes abzulenken? Und die anderen: Das hat sich doch Trump nur ausgedacht, um Russland zu schaden! Ein Video von empörten Babuschkas, die Coronavirusbilder verbrennen und behaupten, es gäbe Corona nicht, ging neulich in den sozialen Netzwerken herum. So absurd, dass man nicht weiß, ist das ernst gemeint oder ein fake? Und schließlich die Überlegung aus westlicher Perspektive: Könnte Putin nicht das erfolgreiche Krisenmanagement einiger europäischer Länder als Vorbild nutzen? Schwierig, wenn ja die offizielle Politik alles Westliche als schlecht darstellt… Und Corona ja auch „nix Russisches“ ist. Dennoch scheint Putin nicht länger auf Ignorieren zu setzen. Insgesamt trotzdem kompliziert. Die Grundskepsis unter den Menschen in Russland bleibt, vor allem, was die veröffentlichten Zahlen angeht. Hier in Stavropol ist die offizielle Zahl zum 28.März: fünf bestätigte Coronafälle. (Die Tests werden übrigens zur Auswertung nach Novosibirsk geschickt.) Erscheint ziemlich wenig dafür, dass eine infizierte Ärztin tagelang in der Öffentlichkeit unterwegs war… Und nach Berichten von Augenzeugen wurden Rückkehrer aus Coronaländern am Flughafen in Stavropol nicht herausgefischt. Ich kann mich dem Misstrauen gegenüber allem Offiziellen ebenfalls nicht entziehen. Insbesondere mit dem Wissen um die schwierigen Zustände im Krankenhaus, wo man häufig Essen und Bettlaken selbst mitbringen muss. Ist ja kein Geheimnis, das das Gesundheitssystem im Normalzustand schon überfordert ist… Vielleicht motiviert aber auch dies Menschen zusätzlich, zu Hause zu bleiben.

Wie sieht es bei uns aus? Wir sind alle zu Hause. Und in Quarantäne geübt. Hatten ja quasi schon vier Wochen Selbstisolation aufgrund der Windpocken der Kinder. Sind also schon über einen Monat am Stück zu Hause. (Nur von meinem Kurztrip nach Moskau unterbrochen, siehe letzter Blogeintrag.) Retten uns dabei ab und zu mit kleinen Ausflügen in die Natur. Vormittags versucht der Große, mit dem Ehemann Lesen, Schreiben und Rechnen zu üben. Ich versuche, etwas zu arbeiten. Während die anderen beiden Kinder versuchen, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. Meine neuen Deutschonline-Sendungen auf Instagram habe ich deshalb auf die Mittagsschlafzeit gelegt. (Falls jemand Lust hat, mein virtueller Gast zu sein, einfach melden, ich freu mich! Ihr findet mich unter @deutschstavropol) Denn das digitale Lernen, das nun von den Lehrkräften eingefordert wird, scheitert eigentlich schon daran, dass es universitätsintern keine Lernplattform gibt. Naja, wozu hat man Instagram und E-Mail… Auch der Schachklub hat sich auf skype-Unterricht und online-Turniere umgestellt. Die iPad-Zeit der Kinder erhöht sich damit natürlich. Was soll´s… Außerdem versuche ich nebenbei, endlich die Fotos von 2019 zu sortieren und zu reduzieren. Momentan sind es noch 3400 Fotos, es waren aber bestimmt schon 5000! Und ich hoffe, dass wir ab heute endlich unsere Stand-Up-Auftritte live von Zuhause streamen werden. Zum Texten komme ich leider gerade nicht wirklich…

Rätselfrage:

Was hortet man in Russland neben Klopapier?

A) Wodka

B) Buchweizen

C) Optimismus

D) Trockenfisch

Glaubt man zahlreichen Memes und Fotos von leeren Supermarktregalen, so ist es der Buchweizen (russisch „Gretschka“), B), der auf Vorrat gekauft wird. Allerdings erkundigte sich auf dem besagten Instagram-Accounts des Gouverneur auch eine Bürgerin, ob Läden mit Alkohol von der Schließung betroffen seien. (Antwort: Nicht, wenn sie auch Lebensmittel verkaufen.) Bei uns klappt „auf Vorrat kaufen“ sowieso nicht; innerhalb weniger Tage ist alles Gekaufte weggegessen.

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