Comedy und Coronavirus

Auf zum Stand-Up-Festival nach Moskau! Ich will am Casting des Fernsehsenders TNT teilnehmen. Drei Tage werden rund 1000 Stand-Up-Komiker aus ganz Russland zeigen, dass sie die neuen Stars der Show „Otkrytyj Mikrofon“ (Open Mic) sind! Aus Stavropol reisen wir auf zu acht an.

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14.3.20 Samstag (Auftakt)

Ich nehme den 14-Uhr-Flug nach Moskau. Am Flughafen ist der Mitarbeiter am Eingang, der meinen Ausweis länger als sonst inspiziert, in Maske und Handschuhen. Die Frau am Check-In will mir einen Aufkleber auf mein Handgepäck pappen und bleibt stattdessen mit ihrem rechten Gummihandschuhe daran kleben. „So ein Mist! Wie soll man da arbeiten?“ Auf den Flachbildschirmen an den Wänden blinken Instruktionen, dass man sich schön die Hände waschen soll… Im Flugzeug wischt der Mann vor mir seine Armlehne und den Klapptisch mit einem Feuchttuch ab. Die Frau vor ihm in Maske sprüht ihre Haare und die ihrer Tochter mit Desinfektionsspray ein. Die polnische Mutter neben mir verteilt ebenfalls die antibakterielle Flüssigkeit aus einem Fläschchen auf allen sichtbaren Hautflächen ihres dreijährigen Sohnes. Ich fühle mich unter Druck und benutze zum ersten Mal demonstrativ das Feuchttuch aus dem Lunchpaket der Airline. Vor meiner Abreise hatte man bereits alle Großveranstaltungen internationalen Charakters und dann auch den Frühlingsmarathon in Stavropol abgesagt. Ich bin aufgeregt, aber wegen etwas Anderem. Denn heute Abend werde ich im Standup Store Moscow beim „Money Mic“ auftreten! (Sieben Komiker treten gegeneinander an, um ein Preisgeld mit nach Hause zu nehmen). Dorthin wird man nur eingeladen. Ist also schon eine kleine Auszeichnung. Im Vorfeld hatte ich eine E-Mail vom Store bekommen: Erkältet dürfe man nicht auftreten (wie auch nicht als Zuschauer den Klub besuchen). Aha, die Vorsichtsmaßnahmen werden ausgeweitet. Bisher kannte ich nur die Hausquarantäne für Leute, die aus Coronavirus-Ländern nach Moskau einreisen.

Ich fahre mit Aeroexpress und Metro zum Hostel, wo man mir erklärt, dass man Ausländer aus Coronavirus-Ländern überhaupt nicht aufnehme. Ich erkläre, dass ich seit Dezember nicht in Deutschland war und bekomme einen Platz im 6-er-Zimmer für Frauen zugewiesen. Dort lerne ich Katja aus Rostov kennen, die mit mir heute Abend im Standup Store auftreten wird. Katja ist 10 Jahre jünger und ebenfalls Mutter dreier kleiner Kinder. Gemeinsam sitzen wir zum ersten Mal im Backstage-Bereich und hören die Instruktionen des Moderators Ruslan Muchtarov, selbst ein bekannter Stand-Up-Komiker. „Bitte keine Coronavirus-Witze! Das hängt den Leuten schon zum Halse heraus!“ Einer der Komiker hustet ununterbrochen… Es werden Witze darüber gemacht.

Ich bin Nummer 3 von 7. Und megaaufgeregt. Ruslan hat den Saal bereits ordentlich „aufgewärmt“. Meine Stavropoler Kollegen sind zur Unterstützung mitgekommen. Ich beobachte das Publikum von der Wendeltreppe, die den Backstagebereich oben mit dem Saal verbindet. Jetzt wird „Janka Partizanka aus Stavropol“ angekündigt! Vorwärts! Der Auftritt läuft super, das Publikum lacht, ich bin erstaunlich locker, meine Zunge klebt wider Erwarten nicht schwer am Gaumen und ich stolpere nicht über das Mikrofonkabel. Puh! Zufrieden! Der zweite Teil des Abends besteht aus einer kurzen Improvisation. (Thema: „Wenn wir unsere Handlungen annullieren könnten“ – Referenz zur „Nullierung“ von Putins Amtszeit als Präsident) Das ist ja nun nicht so meine Stärke, aber ich habe irgendwie mittlerweile gelernt, spontan vor einem erwartungsvollen Publikum etwas (mehr oder weniger Lustiges) zu sagen. Auch hier wird gelacht, wenngleich es andere Komiker einfach noch besser machen. Ich bin nun entspannt, gehe ohne 14.000 Rubel nach Hause, aber mit dem Gefühl, ein Stückchen weiter gekommen zu sein auf dem langen Weg des Stand-Ups. Tschaka!

15.3.20 Sonntag (Festival-Tag 1)

Der Wecker klingelt um 6 Uhr. Kurz, aber fest geschlafen, bin also noch hosteltauglich. Ich gehe 5min zu Fuß zum Festival-Ort, dem Azimut-Hotel. Komme als Nummer 20 an. Die Kollegen und Freunde aus Mineral´nye Vody (in der Nähe von Stavropol) sind schon da und wir werten unsere gestrigen Auftritte an verschiedenen Open Mics in Moskau aus. Die offizielle Registrierung beginnt erst 8 Uhr, die ersten warten bereits seit 5 Uhr. Gegen 8 Uhr sind schon über 200 Leute da. Wir werden in Gruppen von 10 Leuten hineingelassen, bei jedem wird die Körpertemperatur gemessen. 35,6. Meine Anmeldedaten sind aus irgendeinem Grund nicht im System, also noch mal eingeben. Bin nun statt Nr. 20 nur Nummer 45. Und muss sehr lachen über diese symbolische Zahl. (In diesem Jahr ist das 75-jährige „Jubiläum“ des Kriegsendes 1945.) Wir gehen frühstücken und sitzen um 12 Uhr wieder im Festivalsaal zur Eröffnung.

Gegen 15 Uhr ist mein Auftritt. Schön das Mikrofon mit einem Desinfektionstuch abwischen. „Guten Tag! Hallo! Ich bin Janka Partizanka aus Deutschland!“ Es läuft gut, auch wenn heute weniger gelacht wird als am Vortag. Überraschend für mich wird gegen Ende Musik eingespielt, die drei Minuten dürften doch noch nicht um sein?! Ein schlechtes Zeichen? Aus der Bewertung im Telegram-Kanal werde ich auch nicht schlau. Da werden nur meine Witze widergegeben, ohne eine Einschätzung. Bei manch anderen standen sehr deutliche Worte („kein einziger Witz“), aber auch Lob („ein super Auftritt“) wurde und wird vergeben. Mich sprechen später noch einige Leute an, denen mein Auftritt gefallen hat. Aber die Meinung des Zuschauersaals entspricht wohl nicht immer der Meinung der Jury aus FernsehexpertInnen… Zweifel über Zweifel… Ich schau mir noch andere Komiker an. Gegen 18 Uhr bin ich völlig erschöpft, fahre aber dann noch zu einem Open Mic in eine Bar mit meinen Stavropoler Kollegen. Dort wird wieder herzlich gelacht. Und wir treten gemeinsam mit echten Größen des russischen (Underground) Stand-Ups auf. Auch ein schönes Gefühl. Zur Verkündung der Ergebnisse im Azimut gegen 23 Uhr komme ich zu spät. 6 Leute von 190 seien genommen wurden. Ich bin nicht dabei. Meine Kollegen aus Stavropol ebenfalls nicht. Ich bin ein bisschen traurig, aber tröste mich schnell: Cool, dass ich mittlerweile recht locker vor so vielen Leuten auftreten kann und mein Humor bei den meisten Leuten ankommt… Von unseren Freunden aus Mineral´nye Vody hat es einer zum Fernsehen geschafft. Riesenfreude! Nur offiziell erzählen darf er es niemandem bis zur TV-Ausstrahlung im Sommer. Musste er sofort unterschreiben. Die Schaum-Party danach schenke ich mir, bin einfach nur müde… Später erfahre ich, dass es keine 90er-Bade-Schaum-Party sondern Bier-Schaum-Party war. Egal.

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Montag, 16.3.20 (Festival-Tag 2)

Mal wieder 8 Stunden am Stück geschlafen, trotzdem Kopfschmerzen. Bin überrascht, wie angenehm das Hostelleben ist. Wenn man nette Mitbewohnerinnen im Zimmer hat und niemand schnarcht. E-Mail von der Uni: Quarantäne, Unterricht mit den Studierenden nun aus der Ferne. Aufgaben sollen hochgeladen werden. Aha, ich hab Urlaub und werde die Details später erfragen. Interessant, ob das russlandweit ist? Meine Kollegin aus Pjatigorsk schreibt mir, dass unsere gemeinsame Veranstaltung Mitte April erst mal ausfällt. Parallel zum Schreiben dieser Zeilen verfolge ich die ersten Auftritte per „Bewertung“ im Telegramm-Kanal als Liveticker. Der Saal ist halbleer – ich geh dann mal los. Den ganzen Tag Komiker angeschaut, witzige Leute, komische Typen, merkwürdige Typen… Leute, die zum ersten Mal auftreten (sieht man…), Leute, die ihre Siliconbrüste (Körbchengröße D) zum Gegenstand ihres Auftritts machen, Leute die sich als Assistent eines lokalen Abgeordneten vorstellen und der Kalender mit dem Foto ihres Chefs verteilen. Langweilig wird es eigentlich nie. Zusammenfassung der wichtigsten Themen: Babuschka, Tinder, Pornos, Frauen, die Männer wählen, die ihrem Vater ähneln, Schwule und der Klassiker, mit erstauntem Gesicht ausgerufen: „Der Witz kam sonst immer an!“ Gegen 23:30 ist erst Nummer 460 dran. Das geplante „Roast-Battle“ wurde aus Gründen des Timings abgesagt. Ich bin schon im Hostel, am Einschlafen.

Dienstag, 17.3.20 (Festival-Tag 3)

Früh lese ich, dass aufgrund der Anordnung des Moskauer Bürgermeisters der 3. Tag des Festivals unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden wird. Strange ohne Publikum… Von uns Stavropolern werden heute noch zwei auftreten. Der Standup Store hat alle Veranstaltungen ab heute abgesagt. Da hatte ich ja noch Glück. Sitze nun im Café. Die zwei Geschäftsmänner neben mir begrüßen sich herzlich mit Handschlag und Umarmung und lachen darüber, „dass wir doch Abstand halten sollen“. Mein Besuch der Tattoo-Ausstellung fällt aus, da das Museum wegen Quarantäne zu hat. Mein Stavropoler Kollege schreibt mir, dass er gerade aufgetreten sei. Ohne Zuschauer und ohne Mikro. Er wurde nicht genommen. Man sagte ihm gleich, er solle im nächsten Jahr wiederkommen. Sein Material sei zu oberflächlich. Ich hätte auch gern ein Feedback… Ich überlege, ob ich morgen mit dem Bus nach Hause fahren soll. Im Vergleich zu vor 12 Jahren hat sich die Fahrzeit auf 17 Stunden (früher 22) verkürzt. Es bewegt sich also einiges in Russland. Der Zug (32 Stunden) fährt übrigens nur alle zwei Tage. Kleiner Preisvergleich: Zug (2000 Rubel Platskart, nach aktuellem Rubelkurs 25 Euro), Bus 2300 Rubel, Flug zwischen 4000 und 7000 Rubel. Inzwischen ist auch der letzte Komiker unserer Truppe aufgetreten (Uhrzeit 12:30 Uhr, Nummer 530). Wurde auch nicht genommen, aber immerhin als Neuling gelobt. Die anderen, die mit mir am ersten Tag aufgetreten sind, schlafen noch. Um drei machen wir ein Gruppenfoto.

Fazit: Knapp der Quarantäne entkommen. Mit neuen Eindrücken und viel Input für das Stavropoler Stand-Up-Leben geht es zurück. Texte schreiben!

Rätselfrage:

Was ist eine podatscha (подача)?

A) Die Übertragung von gefährlichen Krankheiten.

B) Ein Radiosender.

C) Eine „Fernsehsendung“ bzw. „Fernsehübertragung“.

D) Die Vortragsweise (engl. „delivery“).

Wenig überraschend lautet die richtige Antwort D). Wer auf A oder C getippt hat, hat das Wort möglicherweise mit dem ähnlich klingenden russischen Wort peredatscha (Übertragung) verwechselt, wie es auch mir häufig passiert. Es gibt übrigens tatsächlich den Radiosender „Radio Datscha“. Im Stand-Up ist die Vortragsweise (klingt im Deutschen so gestochen…) ein zentrales Element des Auftritts. Und darein fällt so ziemlich alles (Unterbewusstes, schauspielerisches Können, Stimme, Haltung, „Authentizität“…) Kurz, keiner kann es so recht erklären, was genau die Vortragsweise eigentlich ausmacht. Die individuelle. Aber alle wissen: ist super wichtig! Und ich habe meine „podatscha“ immer noch nicht so recht gefunden.

4 Gedanken zu „Comedy und Coronavirus

  1. Ich finde deinen Künstlerin-Namen „Janka partizanka“ einfach toll! Eine Frage hätte ich: gibt es im Russsichen keine eigene Bezeichnung für Stand-Up? Finde es auch übrigens interessant, dass dieser Begriff auf Plakaten doch lateinisch ausgeschrieben wird. 😉

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    1. Liebe Aleksandra, tatsächlich sagen die Russen „Standup“. Man findet es auch auf Kyrillisch, dann interessanterweise „стендап“ und nur sehr selten „стэндап“. Insgesamt orientiert man sich erstaunlich stark am englisch-amerikanischen Stand-Up, wobei die russische „peredatscha“ weit weniger emotional ist.

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  2. Hihi, liebe Jana, sehr witzig, sehr authentisch, macht Spaß zu lesen. Also ist Corona auch bei euch angekommen… Zumindest im Volk. Bleib du, bleibt ihr gesund! GLG Kerstin und Jura

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