Ab ins Jahr Zwanzig-Zwanzig! Schulprüfungen und kalendarische Gedanken zum Jahresausklang

Der Dezember läutet das Ende des Jahres 2019 ein. Fernab der Heimat machen wir uns keinen Weihnachtsstress, sondern nehmen an Traditionen das mit, was gut in unseren Alltag passt und worauf wir gerade Lust haben. Doch zunächst steht die Prüfungswoche des Ältesten in der Schule Nr. 18 an. Alle sind mächtig gespannt. Erfolge hat der Große zwar bei den letzten Schachturnieren eingefahren, aber was in der Schule von ihm verlangt wird, ist irgendwie unklar.

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So viel Licht gibt es nur in Moskau! Die Beleuchtung hängt den ganzen Winter.

Prüfungen in der Schule Nummer 18

Der erste Tag geht denkbar ungünstig los. Schachmedaille hin oder her. Der Älteste ist schon vor dem Eintritt ins Schulgebäude aufgeregt, wird immer panischer und weint. Die Wachtjorscha („Empfangsdame“ oder „Security-Oma“) am Eingang schlägt sofort an und bellt in Richtung Ehemann, warum sie keine Wechselschuhe hätten. (Die liegen natürlich noch im Auto.) Dann kommt im Stechschritt Tatjana Genadijewna, die auf ihren Absätzen gut einen guten Kopf größer als der Ehemann ist. Sie ist für die Prüfungsabnahme zuständig. „Ich nehm dich gleich mit,“ sagt sie zum Ältesten. Es gibt ein kurzes verbales Gerangel, der Ehemann weiß um seine Rechte und besteht darauf mitzukommen. Kontrollanruf bei der Direktorin, die hatte ja bereits ihr Okay gegeben. Die Security-Oma kläfft: „Was soll denn das? Eltern bei den Prüfungen? Ist ja ganz neu!“

Im Klassenraum schickt Tatjana Genadijewna den Ehemann in die hinterste Ecke. Der Älteste weint still, ist kaum ansprechbar, Tatjana Genadijewna merkt nichts. Der Ehemann ist entsetzt: „Ja sehen Sie denn nicht, er braucht mich doch!“ Er setzt sich neben den Ältesten und versucht, ihn zu beruhigen. Tatjana Gendijewna fühlt sich bestätigt: „Warum geben Sie ihn denn nicht in die Schule? Sehen Sie, das haben Sie davon.“ Der Ehemann schweigt und wählt aus zwei Prüfungsbögen (Fach: Russisch) einen aus: „Die Antworten in Druck- oder Schreibschrift?“ „In Schreibschrift natürlich, aber das kann er ja nicht!“ Jetzt wird der Ehemann sauer: „Wie reden Sie eigentlich mit uns?“ und klatscht ihr die Hefte des Ältesten mit den Schreibübungen auf den Tisch. Der hat sich inzwischen etwas beruhigt und beantwortet alle Fragen. Tatjana Genadijewna erklärt erneut, wie wichtig Schule sei, dass er viel verpasse, aber ein guter Junge sei.

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Diese schönen Kacheln findet man in der Fußgängerunterführung in Rostov-am-Don

Am Tag Nummer zwei ist der Älteste etwas entspannter und absolviert gleich alle Prüfungsgebiete der nächsten Tage auf einmal. Tatjana Genadijewna ist das recht, sie hat eigentlich gar keine Zeit. Als „Vorlesen“ reichte schon das Vorlesen der Matheaufgabe. Die Aufgabe lautete: „Male den 5. Apfel grün an.“ Der Älteste ist glücklicherweise schon ein Stückchen weiter, was Tatjana Genadijewna dazu veranlasst, ihn nun als hochbegabt anzusehen. Sie lobt ihn jetzt ununterbrochen. Natürlich könnte er noch besser werden, wenn er in die Schule gehen würde! Schade, dass ihn so kein Lehrer fördern kann! So ein guter Schüler versauere zu Hause. „Ich lerne doch mit ihm,“ meint der Ehemann. Das zählt nicht: „Sie sind doch kein Pädagoge!“ Der Älteste fühlt sich wohl in seiner Rolle als Hochbegabter. Er, der nie singt, dreht heute auf und schmettert im Rahmen der Musikprüfung doch tatsächlich „Bruder Jakob“ auf Deutsch, Russisch und Französisch! Tatjana Genadijewna schmilzt. „Er ist ein ganz schlaues Kerlchen! Wirklich ganz schlau!“ Seine mitgebrachten Zeichnungen für das Fach Kunst sind nun alle glatt Meisterwerke! Es bleibt nur noch das Fach Sport übrig. Auf der Treppe kommt ihnen der Sportlehrer Wadim Ruslanowitsch zufällig entgegen. Der Ehemann: „Zählt Schach als Sport?“ – „Ja, aber leider nicht bei uns im Programm. Mhm, da muss er wohl Liegestütze machen.“ – „Vielleicht jetzt gleich?“ – „Ach, langsam. Wo ist der Abhak-Zettel?“ Tatjana Genadijewna: „Ach der Junge ist so gut, er besteht deinen Test doch auf jeden Fall.“ Wadim Ruslanowitsch hat wohl auch keine Zeit, jedenfalls unterschreibt er den Zettel, ohne dass der Älteste irgendetwas machen muss. Es gibt ja eh keine Noten. (Wobei die offizielle Bezeichnung „Prüfung“ sein muss!) Der Älteste hat somit alles abgehakt. Ist ja auch ein ganz schlaues Kerlchen.

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Das ist kein Werk des Ältesten, sondern von Diego Rivera, dem Mann von Frida Kahlo, der zweimal die Sowjetunion besuchte.

Gedanken zum Jahresende und -anfang

Der Dezember ist der Monat, in dem unser Hochzeitstag liegt, den wir eigentlich nie feiern. Auch dieses Jahr stellten wir wieder nach dem eigentlichen Datum fest, dass wir nun schon eine ganze Weile verheiratet sind. Nämlich 10 Jahre. Das klingt dann irgendwie doch ernst. Und verleitet zu der Schlussfolgerung, dass wir damit definitiv alt seien. Ich wehre mich ja stets dagegen, kann allerdings den eigenen körperlichen Verfall nicht ganz leugnen. Vor allem deshalb nicht, weil der Kontrast zu den anderen Frauen, die etwas für ihre Faltenlosigkeit tun, immer größer wird. Ist auch gar kein Geheimnis, auf instagram wird gleich die entsprechende Klinik durch die stolzen Kundinnen beworben. Sogar meine zwanzigjährigen Studentinnen lassen sich bereits schönheitstechnisch optimieren. Lippen aufspritzen ist auf Platz Nr. 1 der Prozeduren. Ich färb mir nicht mal die grauen Haare… Naja, eine kurze Suchanfrage im Netz ergab, dass in Deutschland die Schönheitskorrekturen ebenfalls boomen, da redet man halt einfach nicht so drüber. Gegen den geistigen Verfall habe ich in diesem Jahr eindeutig mein neues Hobby gefunden: Stand-Up-Comedy. Führt zwar optisch wiederum zu Ringen unter den Augen aufgrund des Schlafmangels durch abendliche Auftritte. Hält aber den Kopf ordentlich frisch. Hat allerdings inzwischen schon etwas Nerdiges, weil ich eigentlich keine anderen Themen mehr kenne. Glücklicherweise ist der Ehemann so nachsichtig, mich darin zu unterstützen. Er kriegt natürlich auch etwas vom Ruhm ab, indem er in den Witzen auftaucht. Auch die Kinder bekommen mit, wie ich ständig mit einem Blatt Papier in der Hand etwas vor mich hinmurmle und fragen, wann ich denn nun im Fernsehen zu sehen sei. Noch ist es nicht soweit, sage ich. Wir haben ja noch keinen Fernseher.

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Darf ich bitten? Wer am 5. Januar noch nichts vorhat, der komme zum Stand-Up nach Stavropol! Nur 18 plus.

Die letzten Tage des alten Jahres haben wir unspektakulär verbracht. Als Familie haben wir das deutsche Weihnachtsfest in Stavropol gefeiert. Eislaufen am Vormittag auf dem Lenin-Platz (überraschenderweise für alle kostenlos!), Bescherung am Abend, Stollen zum Kaffee, Kartoffelsalat mit Würstchen zum Abendbrot. In den darauffolgenden Tagen noch einmal Plätzchen backen mit Freunden, Weihnachtsfeiern im Kindergarten (mit obligatorischem Fotoshooting) und in Fimas Ersatzschule. Ich musste noch arbeiten. Die Kinder sind mittlerweile bei der Babuschka in Zelenokumsk, wir Eltern kinderfrei in Stavropol. Der Ehemann und ich haben das sofort genutzt und vollkommen glücklich ins Neue Jahr reingeschlafen. Darf man ja in unserem Alter. An die neue Jahreszahl „zwanzig-zwanzig“ habe ich mich übrigens gleich gewöhnt. Klingt einerseits so futuristisch-positiv, andererseits ein bisschen lakonisch wie „fifty-fifty“ (oder „is eh egal“) und ist wiederum ästhetisch eine so ansprechende Zahl mit ihren runden Nullen und den energisch nach vorn gewandten Köpfen der Zweien. Da kann man doch nur Gutes erwarten!

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Apropos Erwarten: Das mit dem Schnee ist diesen Winter wirklich ein Problem. Mehr als diese Linie gab es noch nicht…

Rätselfrage zum Schluss: Wie viele Tage hat man in Russland in diesem Jahr frei?

a) vom 31. Dezember bis einschließlich 8. Januar (9 Tage)

b) vom 1. Januar bis einschließlich 8. Januar (8 Tage)

c) vom 31. Dezember bis 9. Januar (10 Tage)

d) vom 31. Dezember bis 10. Januar (11 Tage)

Für das Gebiet Stavropol ist Antwort a) korrekt. Eigentlich stimmt aber Antwort b). Der 31. Dezember war in diesem Jahr ein offizieller Arbeitstag. In manchen Regionen und Gebieten kann jedoch die lokale Regierung etwas anderes festlegen. Der Gouverneur von Stavropol hatte das auch getan: Für staatliche Einrichtungen galt somit Samstag, der 28. Dezember als Arbeitstag (an dem dann u.a. Kindergärten aufhatten) und der 31. Dezember (ein Dienstag) wurde freigegeben. Interessanterweise galt dies nicht für unsere Universität. Die ist nämlich eine föderale und unterliegt damit nicht den lokalen Gesetzen. Ich hatte glücklicherweise weder am Montag, noch am Dienstag (31.12.) Unterricht. Meinen armen KollegInnen aber wurde mit Kontrollen gedroht. Sie mussten sich alle zum Unterricht einfinden, selbst wenn – wie zu erwarten war – keine Studierenden auftauchen würden…

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