Die russische Sprache und ich

Im Allgemeinen ist mein Verhältnis zur russischen Sprache gut. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen ich an gewissen Besonderheiten verzweifle.

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Fühl mich manchmal wie ein Truthahn, der Russisch spricht. Naja, Hauptsache wichtig gucken.

Igor´ und ich

Zum Beispiel an der Aussprache des „weichen R“ am Ende eines Wortes: Igor´ im Russischen ist eben nicht Igor, sondern Igor`. [In der Transliteration wird dieses Weichheitszeichen als Apostroph wiedergegeben.] Dieses weiche R auszusprechen, verursacht bei mir jedes Mal Krämpfe in den Mundwinkeln, die ich weit auseinanderziehe, um irgendwie die Zunge in die richtige Position zu bringen. Macht kein*e Russe*In, die können das so. Bei mir ist der Erfolg insgesamt eher mäßig, aber mit Grinsekatze-R immer noch besser als ohne. Wurde mir zumindest gesagt. Vielleicht finden die Leute auch nur meine Grimasse witzig. Jedenfalls bin ich aus Prinzip mit keinem einzigen Igor´ befreundet. Ist allerdings kein Verlust. Igor´s spielen einfach keine Rolle in der russischen Gesellschaft. Mit dem Namen wird man maximal Komponist. Selbst der Igor´ aus dem mittelalterlichen „Igor´-Lied“ hat die dort beschriebene Schlacht – verloren. Und der im Blog bereits erwähnte Ziehharmonikaspieler Igor´ Rasterjaev (Russländischer Patriotismus oder Tag des Vaterlandsverteidigers) ist irgendwie auch abgetaucht. Dabei geht es genau so gut ohne überflüssige Buchstaben: Der männliche Vorname „Egor“ (sprich: Jegor), ganz ohne Weichheitszeichen. Schlicht, schön und ohne Grimasse. Na also!

Vollendet unvollendete Aspekte

Die Verben in slawischen Sprachen sind so eine Sache. Die haben etwas Komisches, das man grammatisch „Aspekt“ nennt. Vollkommen irreführend. Klingt so unschuldig, ein Aspekt, eine Betrachtungsweise, „kann man so sehen“. Faktisch aber bestimmt der Aspekt gnadenlos, ob man etwas richtig sagt oder nicht. Und fast jedes Verb hat eben zwei Aspekte, also zwei Formen. Eine fünfzigprozentige Chance, die richtige Form zu wählen, oder halt die falsche. Es können aber auch beide Formen richtig sein. Es kommt einfach darauf an, was man sagen will. Aha. Der Ehemann sagt immer, das fühlt man doch. Ich nicht. Schon blöd, nach so vielen Jahren immer noch nichts zu fühlen. Andererseits geht es den Russ*Innen manchmal auch nicht besser. Die Russ*Innen denken sich nämlich aus Bequemlichkeit eine neue Form aus, weil die viel besser und logischer klingt als die richtige Aspektform des Verbs. (Im Deutschen in etwa vergleichbar mit dem falschen Imperativ „Ess auf!“ statt „Iss auf!“) Und hier komme ich ins Spiel! Ich springe sofort mit erhobenem Zeigefinger auf und schreie: „Ha! Das Wort gibt es gar nicht!“ Denn was nicht im russischen Duden steht, gilt in Russland als nicht korrekt! Der Ehemann wirkt leicht genervt und sagt, das nächste Mal nimmt er mich nicht mit zu seinen Freunden. (By the way, auf Russisch gibt es keine indirekte Rede.) Aber ich finde so einen kleinen sprachlichen Hinweis meinerseits nur gerecht!

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Apropos Imperativ… Im Deutschraum der Kadettenschule in Stavropol.

Renglisch

Ich muss seit geraumer Zeit eine neue Fremdsprache lernen: „Renglisch“ oder russisches Englisch. Da ich Deutsch in Russland unterrichte, verstehe den russischen Akzent im Deutschen recht gut. Problematisch ist es aber jedes Mal für mich, wenn ein Russe oder eine Russin Englisch spricht. So bricht mir jedes Mal der Schweiß aus, wenn mich der Ehemann etwas auf Englisch fragt. Zum Beispiel, was denn „Tschiiiiiis“ auf seinem Telefon bedeute? Ich überlege fieberhaft, was der Käse mit dem Telefon zu tun haben könnte. Und lasse mir dann die Schreibweise zeigen: Aha, der Ehemann wollte eine englische Schach-App („Tschess“) installieren. Meine erleichterte Reaktion: „Ach, du meintest, Chess!“ wird mit einem grummeligen „Hab ich doch gesagt!“ kommentiert. In der nächsten halben Stunde kämpft er lieber allein mit der App. Der Ehemann wiederum lacht sich immer kaputt, wenn ich Englisch mit meiner amerikanisch-angehauchten Aussprache spreche. Der Inhalt bleibt regelmäßig auf der Strecke, und ich muss es eben doch wieder Russisch aussprechen. Deshalb habe ich mir einen hübschen russischen Akzent beim Englischreden zugelegt. Das „R“ schön russisch rollen und alle Vokale gleichlang aussprechen! Und es geht „rili beter“; die Leute verstehen mich auf einmal!

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Russische Namen (heute in der Dudenumschrift)

Offizielle Kontexte sind für mich ein Grauen. Zum Beispiel während einer „kofi brejk“ bei einer Konferenz ohne Namensschilder. Man redet sich statt wie bei uns mit Herr/Frau und dem Familiennamen in Russland mit Vor- und Vatersnamen an. Gerade eben wurde mir Sergej Iwanowitsch vorgestellt und ich frage mich bereits, war es nicht doch Iwan Sergejewitsch? Jetzt kann ich voll verstehen, dass man seinem Sohn lieber gleich den Vornamen des Vater gibt. Keine Verwechslungsgefahr bei Wladimir Wladimirowitsch! Ist Sergej Iwanowitsch oder Iwan Sergejewitsch jetzt der Petrow, von dem vorhin die Rede war? Zusätzlich muss man ja auch noch den Familiennamen wissen, also drei Namen pro Person! Und schließlich noch die Deklination dieser Namen, vor allem bei den Frauen. Wo war jetzt noch mal das „n“? Richtig, im Vatersnamen: Galina GenadijewNa. Petrowa. Ah, das ist jetzt die Frau von Petrow. Puh. Hoffentlich kommen jetzt nicht noch mehr Leute. Unbedingt die Visitenkarten einstecken und zu Hause noch mal üben! Gut, dass Doppelnamen bei Familiennamen noch nicht so verbreitet sind, sonst müsste ich mir Galina Genadijewna Pawlowna-Petrow merken…

Fazit:

Jede Sprache hat ihre Tücken. Glücklicherweise sind Fehler und Missverständnisse ja der Quell von Humor. Sag ich meinen Studierenden auch immer, wenn ich über sie, äh, über ihre Fehler, also über die deutsche Sprache lache.

Rätsel 1) für die russischsprachigen Leser*innen:

Welches der folgenden Aspektpaare ist falsch?

a) брать-взять

b) читать-прочитать

c) ложить-положить

d) называть-назвать

Die richtige Antwort lautet c): ложить-положить. Der korrekte Aspektpartner zu положить ist класть, das Wort ложить existiert nicht. („Ha!“)

Rätsel 2) für die Leser*innen, die gern Russisch lernen möchten:

Was bedeutet das russische Wort„Abadoba“ unseres Jüngsten?

a) Abrakadabra.

b) Bus (avtobus).

c) Papa-Opa.

d) Hoppa! (Aufforderung zum Tanz)

Die richtige Antwort lautet Bus (avtobus). Probiert es einfach das nächste Mal, wenn ihr in Russland seid! „Gdje abadoba?“ (Wo ist der Bus?) Sprachliche Kreativität kommt im Alltag meist viel zu kurz.

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Ich liebe diese Reklame für das Instagram- und sonstige Sternchen Olga Busowa! Was ist hier Schick und was Trash?

4 Gedanken zu „Die russische Sprache und ich

  1. Während wir über den Aspekt klagen (besonders haarig wird es ja bei Nebensätzen oder bei Verwendung des Infinitivs), erfreut das Deutsche mit den Artikeln und der Bedeutungsunterscheidung von kurzen und langen Vokalen. Für viele Russ*innen klingt „Mus“ und „muss“ genau gleich.

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