Mäusespeck oder Homeschooling auf Russisch (Teil 2)

Knapp zwei Monate sind nun seit der Schuleinführung vergangen. Bisheriges Fazit: Der Älteste hat sich gut in die Gruppe von Nicht-Schulgängern bei den „Marshmallows“ eingefügt, und der Ehemann kann in seinem Lebenslauf unter Arbeitserfahrung „Privatchauffeur“ hinzufügen.

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Reklame einer (Online-)Privatschule in Sankt Petersburg.  Ihr Slogan lautet: „In die Schule gehen, ohne das Haus zu verlassen“

 

Ein Vormittag bei den „Marshmallows“

Um 9 Uhr sind nur die Lehrerin Mascha, die selbstbewusste Amalia, der Große und ich da. Amalia erzählt von den Hausgeburten ihrer Geschwister. Ist in Russland interessanterweise nicht erlaubt. Zumindest dürfen da offiziell keine Hebammen helfen… Nach und nach trudeln Mark, Jaroslawa, Miroslawa, Witalik, Sofia und Polina ein. Makar ist im Urlaub am Meer. Kira kommt eine Stunde später.

Die Räumlichkeiten sind großzügig, eine Art Loft unterm Dach mit zweiter Etage. Seile und Ringe hängen von der Decke, ein Klavier steht im Raum, Sofas im Eingangsbereich. Die Wände sind aus Backstein, mit Holz verkleidet. Eine Tafel lädt zum Festhalten von Gedanken mit Kreide ein. Auf der Terrasse wird im Sommer gefrühstückt. Von dort sieht man auch den Elbrus in der Ferne.

Die Kinder sitzen mit ihren jeweiligen Aufgaben in Form von Kopien am Tisch. Amalia hat sich in den Sitzsack zurückgezogen. Kira fährt mit dem Bürostuhl herum. Der Große sitzt über harten und weichen Konsonanten im Russischen. Zwischendrin immer wieder Rufe „Mascha!“, bis Mascha kommt. Nur Kira ruft „Maria Aleksejewna!“ Die sanfte Mascha wiederum mahnt ab und zu „Es wird gearbeitet!“ Kira und Amalia streiten sich. Um elf Uhr gibt es das zweite Frühstück. Dann werden Gesellschaftsspiele gespielt. Für die Älteren gibt es Spiele mit Rechnen, aber die Gruppen vermischen sich im Laufe der Zeit. Ich bin irritiert: Wie, das war es schon mit Aufgaben? Ich merke wieder, wie sehr ich trotz allem von der These geprägt bin, dass Lernen anstrengend sein muss. Überhaupt, dass man „muss“. Kurz vor 13 Uhr wird aufgeräumt.

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Wer ordnet die Planeten richtig an?

Beim Verlassen der „Klasse“ zeigen mir die Kinder ihre selbstgemachten „Slimes“, so eine Art elastische Knetmasse, die man beliebig formen kann. Zurzeit DER Renner. Haben sie auch im Unterricht hergestellt. In der Woche davor kam der Große mit einem selbst gebastelten Modell des Sonnensystems nach Hause. Sogar den Holzfuß hatten sie selbst zurecht gesägt.

Ich frage später Mascha, was für sie das Schwierigste an ihrer Arbeit ist. Sie sagt, dass es manchmal ein bisschen chaotisch ist und dass es manchen Kindern schwer fällt, sich zu konzentrieren. Oder dass einige auch mal gar keine Lust haben, eine Aufgabe zu bearbeiten. Deshalb versucht sie dann, für diese Kinder etwas anderes zu finden und niemanden zu etwas zu zwingen. Einfach ein Buch lesen zum Beispiel. Weil sie der Meinung ist, dass Lernen so etwas wie „Mäusespeck“ sein sollte: süß und in kleinen Portionen. Und dass das Interesse an einer Sache das Wichtigste ist. Übrigens: Ihre eigenen jüngeren Geschwister sind nach einer Homeschooling-Phase inzwischen wieder auf einer normalen Schule und dort sehr glücklich. Im Teenageralter sei das Zusammensein mit größeren Gruppen Gleichaltriger für Maschas Schwestern einfach wichtiger geworden.

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Der Stundenplan, der in der Praxis nicht so streng genommen wird…

Zirkel und Zirkeln

Bei uns wird die Dreitagewoche des Ältesten nun um zweimal wöchentlich Flugzeugbau im DDT (eine Einrichtung aus Sowjetzeiten, die diverse kreative Freizeitaktivitäten für Kinder anbietet) sowie um zweimal Schachspielen in einer privaten Schachschule erweitert. Der Mittlere spielt ebenfalls dort Schach. Organisatorisch ein ziemlicher Aufwand: Früh gegen neun den Ältesten in die „Schule“ fahren, die Jüngeren in den Kindergarten, 13 Uhr den Ältesten holen, entweder nach Hause oder 14 Uhr zum Flugzeugbau. Gegen 17 Uhr die Jüngeren vom Kindergarten holen. An den Schachtagen den Mittleren vorher holen (und ich hole dann den Jüngsten später ab) und um 15:30 Uhr beim Schach sein. Oder mit allen zum Schach fahren… Verrückt und ja: Nur zu meistern, wenn ein Elternteil zu Hause ist. Und wenn man ein Auto hat.

Freizeitaktivitäten für Kinder, sogenannte „kruzhki“ (Zirkel), sind übrigens nicht billig (Fußball in Stavropol? Es geht um die Wurst!). Durchschnittlich 20-50 Euro zahlt man pro Monat pro Kind für Sport- und Sprachkurse, Musik- oder künstlerische Angebote. Auch unser Schach kostet für beide Kinder – mit Rabatt – 3200 Rubel (umgerechnet 45 Euro). Das Angebot vom DDT ist hingegen kostenlos, hier muss man nur die Materialkosten tragen.

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Schachturnier

Kosten und Gehälter

Doch zurück zu unserer Marschmallow-Schule: Hier zahlen wir für den Ältesten 6500 Rubel (etwa 92 Euro) im Monat. Für dreimal Unterricht von 9-13 Uhr pro Woche. Ich wurde gefragt, ob das Homeschooling vielleicht eine Maßnahme des russischen Staates sei, um Geld zu sparen? Dafür ist es zumindest in der Provinz nicht verbreitet genug. Auch wenn wir vermutlich nicht alle Homeschooler kennen, so sind doch für eine Stadt mit etwa 500.000 Einwohnern 10 Homeschool-Grundschüler vernachlässigbar. „Lernen in der Familie“ hat jedoch gesamtgesellschaftlich den Nachteil, dass engagierte Eltern und Pädagogen, die dem traditionellen Schulsystem kritisch gegenüber stehen, mit ihren Ideen und Vorstellungen innerhalb dieses Schulsystems kaum Veränderungen anstoßen. Sie bleiben einfach in einer geduldeten Nische, einer Art Parallelwelt, und notwendige Reformen im Schulbereich stehen weiterhin aus.

Eines der größten Probleme ist der Mangel an Nachwuchslehrer*innen. Mehr als verständlich. Bei einem Grundgehalt von 8000 Rubeln (113 Euro) bei einer Vollzeitstelle ist keine einzige meiner Studentinnen bereit, nach ihrem Studienabschluss als Deutsch- oder Englischlehrerin in einer staatlichen Schule zu arbeiten. Das Lehrpersonal ist folglich überaltert. Die schlechten Gehälter der Lehrkräfte und die ungenügende Ausstattung der Schulen führen außerdem dazu, dass von den Eltern ständig Geld für Materialien eingesammelt wird und außerdem Geschenke von den Schülern bzw. Eltern für die Lehrkräfte zu den verschiedensten Anlässen (8. März, Tag des*der Lehrer*in, Neujahr, Geburtstag) obligatorisch sind. Meine oppositionelle Freundin Anja wird beim Thema Schule regelmäßig aggressiv. Sie selbst hat einen Abschluss als Geschichtslehrerin, würde aber niemals in einer Schule arbeiten; sie verkauft jetzt Himbeeren auf der Straße. (Und verdient damit sogar mehr.) Für Anja tragen Lehrer*innen eine Mitschuld an der pseudo-patriotisch-heroischen Erziehung der Kinder, indem sie falsche Geschichtsbilder vermittelten (Teil 2: Der 9. Mai in Stavropol oder Von Panzer-Kinderwägen, Männern mit Bärten und dem „unsterblichen Regiment“) Und außerdem seien Lehrer*innen an der Wahlmanipulation beteiligt, indem sie das Einwerfen zusätzlicher Stimmen in die Urnen in den Wahllokalen (die zumeist in den Schulen sind) dulden oder aktiv unterstützen würden… So radikal wie Anja denkt ansonsten aber kaum jemand. Doch dazu an anderer Stelle einmal mehr.

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Schüler einer Kadettenschule für Jungen. Hier herrscht ein strenges Regime auch über den Unterricht hinaus. Die Deutschlehrerin Galina, die mich zu Deutschveranstaltungen mit ihren Schülern einlädt, ist überaus engagiert.

 Fazit:

Marshmallows“ sind ein Kompromiss zwischen „Freiheitlichem und selbstbestimmten Lernen in einer kleinen heterogenen Gruppe“ und „Die Kinder trotzdem auf die Prüfungen in den Schulen vorbereiten“. Der Große geht gern zum „Mäusespeck“ und mittlerweile ebenso gern zu seinen Zirkeln. Schach hat sich dabei ein wenig verselbstständigt: Es wird von früh bis spät gespielt, zwischendrin Schachaufgaben gelöst, im Schachbuch gelesen oder auf youtube Schachpartien geguckt. Letztes Wochenende kam er stolz von einem Schachturnier mit dem 2. Platz nach Hause. Wir bleiben also zunächst in unserer kuscheligen Welt des Homeschoolings und der Zirkel und hören über normale Schulen nur von anderen Eltern.

Rätselfrage:

Welche der folgenden Aussagen stimmen NICHT?

1) Die Schuleinführung in Russland heißt „1. September“

2) Die Schulzeit dauert in Russland 11 Jahre.

3) Die Schulnoten in Russland gehen von 5 (sehr gut) bis 2 (nicht bestanden).

4) Schulbücher sind in Russland kostenlos.

Auflösung:

Nicht korrekt ist Antwort 2). Die volle Schulzeit dauert in Russland 12 Jahre, wobei es die Möglichkeit gibt, die Schule nach der 9. und nach der 10. Klasse zu verlassen. Zwölf Jahre sind nötig, um den Zugang zur Hochschule zu erhalten. Insgesamt sind russische Student*innen im 1. Studienjahr auch deshalb etwa zwei Jahre jünger als ihre Kolleg*innen in Deutschland. Eine meiner Studentinnen im 3. Studienjahr ist z.B. gerade mal 18 ½ Jahre alt.

Halbkorrekt ist Antwort 4). Theoretisch werden Schulbücher kostenlos zur Verfügung gestellt. Praktisch hängt es aber dann doch von jeder Schule ab. Überhaupt die Frage nach weiteren Kosten in der Grundschule: Die Schule Nr. 18 bietet noch einen kostenlosen Hort für Erstklässler an. In der Schule von Freunden ist die Anzahl der Hortplätze begrenzt, in anderen Schulen muss bereits dafür bezahlt werden.

Schuljahresbeginn ist stets der 1. September, weshalb „1. September“ eben auch als Synonym für Schuleinführung und Schuljahresanfang steht. So wie in Deutschland, vor allem im Osten, wird der Schuleintritt nicht gefeiert. Zuckertüten gibt es nicht, stattdessen werden meist der Lehrerin – auch in Russland ein überwiegend weiblicher Beruf – Blumen geschenkt.

Schulnoten gehen von 5 bis 2, wobei man mit einer 3 bestanden hat und 5 die beste Note ist. Auch in Russland sollen Erstklässler noch nicht benotet werden. Wie das tatsächlich aussieht, werden wir dann bei der ersten Prüfung des Großen in der Schule Nr. 18 im Dezember sehen.

Ein Gedanke zu „Mäusespeck oder Homeschooling auf Russisch (Teil 2)

  1. Schach spielen ist ein sehr schöner Sport, ich war als Kind auch im Schachclub, und habe da mehrere Jahre gespielt. Macht man denn in Russland im Schachclub auch alle naselang ein Diplom?

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