Mäusespeck oder Homeschooling auf Russisch (Teil 1)

Wer hätte das gedacht: In Russland gibt es keine Schulpflicht! Statt in die 1. Klasse einer normalen Grundschule zu gehen, darf seit dem 1. September unser Ältester mit uns das System „Lernen in der Familie“ (semejnoe obrazovanie) bzw. Homeschooling ausprobieren.

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Eigentlich waren wir schon auf die Schule Nr. 18 eingestellt und hatten weiße Hemden und blaue Hosen als Schuluniform gekauft. Wir zitterten bereits vor dem täglichen Wahn, alle Kinder früh rechtzeitig fertig zu bekommen. Und dann hörten wir in der letzen Augustwoche, dass Mascha, unsere ehemalige Kindergärtnerin, nach einem Weiterbildungsjahr in Moskau wieder in Stavropol sei und in „Marshmallows“ als hauptamtliche Pädagogin arbeite. (Mascha und unser 1. Kindergarten: Auf der Suche nach dem perfekten Kindergarten) „Marshmallows“, erklärte man uns, ist eine Art Schulersatz für die Kinder, deren Eltern sich bewusst gegen einen klassischen Schulbesuch ihrer Kinder entschieden haben. Also irgendwie alternativ.

Der Ehemann ist sofort begeistert. Ihn stresst die Vorstellung einer klassischen russischen Grundschule besonders: Disziplin, Hierarchie, Hausaufgaben und wenig Gestaltungsraum seitens der Kinder. Freunde und Bekannte mit Schulkindern tragen mit ihren Erzählungen nur zu einer Verfestigung dieses Bildes bei. Wir schauen uns den Probeunterricht bei Mascha an. Hier soll Lernen ohne Zwang stattfinden. Dreimal die Woche von 9 bis 13 Uhr. (So wenig Unterricht? Ja stimmt, ist keine echte Schule, sondern eine Ergänzung fürs Homeschooling.) Kinder von der 1. bis zur 4. Klasse, maximal 10 Kinder. (Schön kuschelig. Wir vertrauen Mascha irgendwie. Ist ja eigentlich egal, was die Kinder dort lernen. In Maschas Kindergarten mit Montessori-Konzept hat es ja auch gut geklappt. Ist doch eh nur für ein Jahr.) Der Älteste fühlt sich wohl.

Von Mascha hatten wir zuerst erfahren, dass man in Russland nicht unbedingt eine Schule besuchen muss. Drei ihrer jüngeren Geschwister waren nur kurz auf eine normale Schule gegangen. Als wir sie kennen lernten, waren sie an der Moskauer Online-Schule eingeschrieben und der Unterricht fand über das Internet statt. Diese Form des Lernens nennt man „Fernlernen“ (distancionoe obrazovanie) – eine weitere Möglichkeit, einer klassischen Schule fernzubleiben.

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Gute Schwingungen bei den Marshmallows

Und trotzdem Zweifel: Wenn also „Marshmallows“, was macht der Älteste dann nachmittags? Und an den freien Tagen? Wird er nicht künstlich isoliert von der „wirklichen Welt“? Muss er nicht auch lernen, in anderen Gruppen zurecht zu kommen, mit anderen Kindern, deren Eltern nicht so kritisch gegenüber dem russischen Schulsystem eingestellt sind? Mit weniger relaxten Lehrer*innen? Wird er so verstehen, dass man bestimmte Dinge im Leben einfach machen muss, selbst wenn man sie gerade nicht gut findet? Der Ehemann sagt, das kriegen wir alles schon hin. Und sucht diverse Freizeitbeschäftigungen heraus. Wir hatten es vor einer Weile bereits mit Sport probiert, aber jegliche Gruppenaktivitäten wurden vom Ältesten kategorisch verweigert. Ein paar Monate hatten wir es immerhin mit Gitarre geschafft, was dann aber auch eingeschlafen war. Das letzte Argument: Mit dem „Lernen in der Familie“ können wir immerhin offiziell so wegfahren, wie wir wollen. Zumindest, wenn ich selbst keinen Unterricht habe.

Der Ehemann geht also zwecks familiärer Reisefreiheit auf die Schulbehörde und füllt einen Zettel aus, um den Status Homeschooling zu beantragen. Die Mitarbeiterinnen dort sind nett, fragen aber auch nach, ob er denn ein Pädagoge sei. Er erzählt von „Marshmallows“. Man kennt diese Einrichtung. Die Gründerin Olga Aleksandrowna, selbst Physik- und Mathelehrerin, hat ihre vier Söhne zu Hause selbst unterrichtet, und die Kinder haben bereits zahlreiche Physikolympiaden gewonnen. Eine Autorität in der antiautoritären Welt also. Zweimal in der Woche kommt Olga Aleksandrowna auch in Maschas Unterricht.

Im Dezember wird unser Älteste wieder kurzzeitig Schüler der 18. Schule werden. Dann muss er dort Leistungskontrollen bestehen. Jede Schule – man kann sich selbst aussuchen, an welcher Schule „angedockt“ werden will – legt selbst fest, wie viele davon man im Jahr machen muss. Und wie diese aussehen. Und woher wissen wir dann, was unser Kind wissen muss? Dafür gibt es individuelle Konsultationen in der entsprechenden Schule. Wie man zu dem Wissen gelangt, ist der Schule dabei egal. Am Ende des Schuljahres bekommt man ein ganz normales Zeugnis, auf dem nicht einmal vermerkt ist, dass man Homeschooling gemacht hat. Bei zweimal nicht bestanden, muss das Kind allerdings regulär zurück auf die Schule. Klingt eigentlich ganz okay. So richtig krasse Prüfungen kann es doch in der 1. Klasse nicht geben oder? Maschas Geschwister hatten auch eine Phase vor der Online-Schule, in der sie nur zu den Prüfungen/Leistungskontrollen in die Schule gingen. Sie fanden diese immer sehr leicht…

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Die Babuschka ist völlig entsetzt am Telefon und sagt gar nichts. Sie war ja schon damals überzeugt, dass der Schüchternheit des Ältesten und seiner Angst vor Veränderungen nur ein klassischer Kindergarten mit vielen Kindern gut tun würde. Und folglich nun eine normale Schule mit 30 Kindern in jeder der vier 1. Klassen. Tatsächlich hat die Babuschka einen wunden Punkt in unserer Erziehung getroffen. Wie gehen wir mit der Unsicherheit des Ältesten um, die sich ganz plötzlich auch in scheinbar vertrauter Umgebung zeigt? Erste Krisen gleich zu Beginn des Schuljahres. Der Große traut sich nicht allein zu Maschas Unterricht als ein neues Mädchen auftaucht. Er will nicht mehr zur Schach-AG, obwohl er unbedingt jeden Morgen noch vor dem Frühstück eine Partie Schach spielen muss. Und auch zu Gitarre will er nicht, obwohl er sich darauf gefreut hatte. Wir fühlen uns hilflos, drohen völlig unpädagogisch mit der Schule Nr. 18, auf die er dann eben gehen muss… (Weil wir keine Lust haben, Kämpfe zu führen, weil wir finden, er könne nicht 9 Stunden am Stück Harry-Potter-Hörbücher hören, weil wir finden, dass er doch „was Vernünftiges“ machen muss, dass er nicht nur zu Hause abhängen soll, weil wir ihn nicht bespaßen wollen…)

Wir sind nicht gut im „Aushalten“ und fühlen uns schlecht. Wir beschließen, keinen Druck mehr zu machen. Der Große geht schließlich doch wieder zu Schach. Und seit kurzem zum Flugzeugmodell-Bau. Gitarre ruht. Ich lasse mir von ihm vorlesen. Und bin erstaunt, dass das recht flüssig geht. Hat ihm ja niemand beigebracht. Fürs Schreiben Üben wiederum ist der Ehemann zuständig. Der rechnet auch mit unserem Schulkind. Mhm, das ist ein bisschen für unser Gewissen. Sollte grob fürs erste Schuljahr reichen oder? Lesen, schreiben und rechnen. Zum Vorzeigen. Zurück in Deutschland muss der Große sowieso das lateinische Alphabet neu lernen… Jetzt erst einmal Durchatmen für alle. Und den nächsten Trip in die Berge planen.

– Fortsetzung folgt –

(Im 2. Teil werde ich einen Tag bei Mascha beschreiben. Gern nehme ich aber auch Fragen auf, die Leser*in interessiert. Einfach eine E-Mail oder einen Kommentar schreiben.)

Anmerkungen:

Homeschooling ist ein Synonym für „semejnoe obrazovanie“ (hier mit: „Lernen in der Familie“ übersetzt) und meint im Wesentlichen, dass Kinder zu Hause zumeist von ihren Eltern unterrichtet werden.

Freilernen (oder Unschooling) setzt den Akzent darauf, dass Kinder von eigenen Interessen geleitet immer und überall lernen und eine feste Unterrichtsform wie im Homeschooling nicht benötigen. Ist in Russland möglich, allerdings kann man sich den Leistungskontrollen (die sich inhaltlich am Lehrplan der Schule orientieren) der Schule nicht entziehen.

4 Gedanken zu „Mäusespeck oder Homeschooling auf Russisch (Teil 1)

  1. Sachen gibt’s! Ich war ja zunächst sehr irritiert bei der Kombination von Foto und dem Thema Schule. Bei Russland wäre ich ja als allerletztes darauf gekommen, dass dort Homeschooling geht. Vielleicht eine Maßnahme zum Geld sparen?
    In Teil 2 wäre eine Quizfrage wieder gut.

    Gefällt 1 Person

  2. Danke für den interessanten Beitrag, Jana. Durchaus anstrengende Erziehungserfahrungen, die ihr da macht. Deutschland ist (neben Nordkorea?) eines der ganz wenigen Länder auf der Welt, wo eine allg. Schulpflicht besteht. Überall sonst „Unterrichts-“ oder „Bildungspflicht“. Spannend, wie das in Russland gehandhabt wird. Ich wollte schon fragen, ob die Stavropoler Schulen auch auf Trimester umgestellt haben, wie es wohl zahlreiche Schulen in Russland inzwischen getan haben. Aber das wisst Ihr jetzt vielleicht gar nicht.

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