Wandern im Nordkaukasus. Unter Einhörnern, Adlern und Bergziegen

Zwölf Rucksäcke, drei Zelte, acht Wanderstöcke, Essen für vier Tage. Wandern in den nordkaukasischen Bergen.

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Der Ehemann und ich sitzen seit über einer Stunde an der Tankstelle. Ich war schon zweimal pullern im leeren Bliny-Café gegenüber. Unser Gruppenchat schweigt. Dann schreibt einer unserer Mitwanderer, er sei noch beim Friseur. Der Ehemann und ich sind uns nicht sicher, ob das ein Witz ist. Schließlich taucht Stas auf und sammelt uns in seinem weißen Lada Kalina ein. Der Ehemann hatte mich schon vorgewarnt, dass er bei der letzten Wandertour im Mai Stas äußeren Türgriff beim Öffnen abgebrochen hatte. Mir wird also von innen geöffnet. Aha, das ist also Stas, ein sympathischer Typ, knapp 30, modisch in gelber Hose, schwarzes T-Shirt, Basecap. Auf der Fahrt erzählt er von gefährlichen Bären in den Bergen. Der Ehemann flüstert mir zu, dass Stas letztes Mal betrunken im T-Shirt vorm Zelt eingeschlafen ist. Naja, vermutlich hatte er einfach seine Angst vor wilden Tieren betäubt.

An der Grenze zur Nachbarrepublik Karatschajewo-Tscherkessien treffen wir die anderen Teilnehmer unserer Bergtour. Zwei hochgewachsene Brüder, etwas jünger als wir, und deren 12- und 14jährigen Neffen entsteigen einem weiteren Lada. Das dritte Auto, ein schicker BMW gehört Vova, der mit seiner Frau Katja unterwegs ist. Die Kinder haben sie bei Oma und Uroma gelassen. Außerdem fahren noch Danila, unser inoffiizieller Bergführer, und seine zwei Söhne, 10 und 15, darin mit. Ich fühle mich sofort wohl. Nach gut vier Stunden Fahrt kommen wir in dem kleinen Ort Archyz an. Überall werden riesige neue Hotelanlagen gebaut, insbesondere für den Wintersport. Archyz ist aber auch Ausgangspunkt für zahlreiche Wandertouren in die umliegenden Berge. In einem der Täler, das bisher von größeren Bauten verschont wurde, stellen wir die Autos ab. Wir stärken uns an einem der vielen Touristenstände mit Tschebureki und Ayran (Russische Küche). Alkohol wird hier nicht verkauft. Auch Zigaretten gibt es erst wieder auf dem Rückweg im Ort. Auf der anderen Seite des staubigen Weges stehen Geländewagen und Quads für diejenigen, die es eilig haben mit dem Selfie auf der Bergspitze. Hinter dem Fluss grasen Pferde. Ich fühle mich an Kirgistan erinnert. Damals fuhren wir auch in so einem Niva einen felsigen Geröllweg noch oben. Der Fahrer setzte dabei immer wieder physikalische Kräfte außer Kraft. Wir erklommen tatsächlich Felsbrocken mit dem Auto… Ich hatte jedoch keine Zeit, mich darüber zu wundern: Rechts der steile Abhang, auf dem Schoß zwei kleine Kinder, in mir die pure Angst. Nun nerven uns die vorbeifahrenden Geländewagen, die uns in Staubwolken hüllen.

Nicht weit von einem Fluss schlagen wir unser Lager auf. Am Lagerfeuer, das aufgrund unserer weiteren Aufstiege in baumlose Höhen unser einziges bleiben wird, trinkt man Spiritus. Ich verabschiede mich früh und schlafe schnell ein. Danila sitzt mit seinem ältesten Sohn noch bis vier Uhr am Lagerfeuer. Sie reden über Politik – was man in Russland nicht gern tut – und der Sohn erklärt ihn über die Aktivitäten des Oppositionellen Nawalnyj auf. Danila ist übrigens der Inbegriff des starken russischen Mannes: naturverbunden und eher schweigsam, auch mit viel Alkohol im Blut immer noch in der Lage, schnell Feuerholz zu schlagen, einen Fisch mit bloßen Händen zu fangen und nebenbei einen Bären zu verjagen.

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Mit Aufwachen, Waschen im Fluss, Tee Trinken, Frühstücken und Zeltabbauen sind wir bis fast Mittag beschäftigt. Stas bittet um Hilfe bei der Entfernung einer Spinne in seinem Zelt. Die Erwachsenen schwören sich, heute definitiv weniger zu trinken. Dann der erste wirkliche Aufstieg mit Gepäck. Überall Geröll, das unter unseren Wander- und Turnschuhen wegrutscht. Die Gruppe wird auseinandergezogen. Die Bäume verschwinden, die Sonne knallt immer stärker. Danila, der ohne Zweifel den schwersten Rucksack von allen trägt, nimmt noch Katjas Rucksack. Katja sieht ziemlich mitgenommen aus, ihr Mann Vova auch. Immerhin haben sie Wanderstöcke. Oben angekommen ist keine Zeit zum Ausruhen. Der Untergrund wird von Geröll befreit, die Zelte aufgebaut, Essen gekocht. Danach genießen wir den Blick auf beide Bergseen, den kleinen und den großen Sofia-See. Die anderen bunten Zelte in der Ferne sehen von uns aus wie in der Landschaft verteilter Müll. Darauf noch einen Schluck Hochprozentigen.

Am nächsten Morgen schwimmt ein weißes Einhorn auf dem Bergsee. Da hat tatsächlich jemand fünf Kilogramm aufblasbare Plastik nach oben geschleppt, um ein besonders orginelles Foto zu machen… Der dritte Tag lockt uns zunächst mit einer ebenen Strecke und ein bisschen Schnee fürs Hochgebirgsfeeling. Wegmarkierungen oder Ausschilderungen begegnen uns auf unserer gesamten Tour nicht ein einziges Mal. Dann erneut ein steiler Aufstieg. Jetzt müssen schon zwei Rucksäcke auf andere Träger verteilt werden. Glücklicherweise wissen wir nicht, dass uns der krasseste Aufstieg nach der Mittagspause im nächsten Tal bevorsteht: zum „Orljonok“, dem kleinen Adler. Gefühlte 45 Grad Steigung, lockeres Gestein, das bei einem falschen Tritt gefährlich nach unten poltert; für die weiter unten Kletternden ein unberechenbarer Steinschlag. Ich wusste schon, warum ich lieber bei den Vorderen dabei bin. Die Vorhut nimmt den „Orljonok“ auf allen vieren ein. Oben pfeift ein starker Wind, die Wolken werden immer schwärzer. Komischerweise sind die Raucher immer die ersten und zünden sich gleich eine Zigarette an. Stas wirkt trotz seiner sportlichen Höchstleistung geschockt. Vielleicht braucht er auch deshalb das Nikotin. Nach und nach treffen die anderen ein, den meisten zittern die Knie. (Mein bester Freund ist inzwischen übrigens ein stabiler Ast, der mir als Wanderstock dient. Nie wieder ohne!) Und gleich noch ein paar Gipfelfotos mit Bergziegen. Stas hält lieber Abstand.

Es folgt der Abstieg über Geröll. Einzelne Tropfen fallen in der Dämmerung und gehen in einen Nieselregen über. Die Steine werden rutschig. Immer wieder warten wir auf die Nachzügler, die sich tapfer Schritt für Schritt nach unten kämpfen. Jetzt werden die Kopftaschenlampen eingeschaltet. Danila verschwindet in der Dunkelheit, sucht den Weg ins andere Tal, wo wir unsere Zelte aufschlagen können. Hier eine einzige Steinwüste. Unsere Nussvorräte heben die Stimmung nur kurzzeitig. Die Verzweiflung ist bei einigen schon groß. „Mensch Papa, wir finden nie wieder zurück…!“ Doch Danila bleibt ruhig. Immerhin regnet es nicht mehr. Die Neffen finden die Nachtwanderung spannend. Katja und Vova sind erstaunlich gefasst. Die Brüder rauchen erst mal eine. Stas will zurück. Der Ehemann trägt Katjas Rucksack. Wir ziehen uns an nassen Rhododendronpflanzen den nächsten Abhang hoch, rutschen auf der anderen Seite wieder durch Gestrüpp herunter, den Blick starr vor uns auf den von der Taschenlampe erleuchteten Pfad. Endlich eine kleine Wiese! Ziemlich fertig bauen wir unser Zelt auf einem riesigen Kuhfladen auf. Wasser ist nicht in Sicht. Aber dann die Rettung in der Not: eine Dose Bajkal-Limonade, die die letzten drei Tage im Rucksack durchgeschüttelt wurde! Aaaaaah, das Tragen hat sich gelohnt! An diesem Abend verschwinden alle schnell in ihren Zelten, ohne Abendbrot.

Blöd nur, dass ich am nächsten Morgen ganz schön humple. Die Schmerzen in den Beinen kann ich nur schlecht überspielen. Wer hätte gedacht, dass der finale Abstieg – der doch eindeutig den niedrigsten Schwierigkeitsgrad hat – so schwer sein kann… Ich kann Geröll inzwischen nicht mehr sehen… Eine tote Kuh liegt steif am Wegesrand. Die braunen Augen sind geöffnet. Würden nicht Fliegen um sie herumschwirren, könnte man meinen, sie sei ausgestopft. Uns begegnen mehr und mehr Menschen. Schließlich erreichen wir den Wald und sind wenig später wieder ganz unten im Tal. Alle sind mächtig stolz auf sich und wir klopfen uns gegenseitig auf die Schultern. Auf der Rückfahrt nach Stavropol meint Stas, wie gut, dass wir dieses Mal keine Bären gesehen haben. Und ich, ich freue mich schon auf die nächste Tour!

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