Janka Partisanka oder Stand-up-Comedy in Russland

Ich bin jetzt Stand-upperin oder Komikerin oder Comedian. Weil ich der Midlife-Crisis lieber zuvorkomme. Weil ich ja schon immer was richtig Cooles machen wollte. Und bei Hip-Hop und Rap den Anschluss verpasst habe. Und bei Breakdance und Skateboard. Und bei Parkour. Und bei Stand-up muss man ja nur rumstehen. Weil ich finde, dass Humor eine feine Sache ist. Und weil früher das Leben viel lustiger war. Aber weil jammern ja nicht hilft. Und nun bin ich also die deutsche Stand-up-Hoffnung in Russland. Also vermutlich die einzige Deutsche, die Comedy auf Russisch macht… Es heißt ja immer, den unique selling point finden oder? Und ich hatte schon drei Auftritte! So richtig mit Zuschauern. Jetzt muss ich aber erst mal eine kreative Pause machen und lernen, mit dem ganzen Ruhm umzugehen.

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Die Jungs in Stavropol brauchten dringend weibliche Verstärkung

Alles begann … ja wie eigentlich? Mit der Sendung „Querköpfe“ auf Deutschlandfunk, die ich gern vorm Einschlafen höre? Mit den Interviews junger russischer Komiker auf dem gehypten youTube-Kanal von Juri Dud´? Mit Carolin Kebekus oder der Russin Julia Achmedova oder der Schweizerin Hazel Brugger? Mit Podcasts von Luke Mockridge und Ingmar Stadelmann? Mit kurzen youtube-Abstechern in die Welt des Poetry-Slams und der Frage: Wieso hab ich das eigentlich nie gemacht? Weil ich nicht so schön über mich selbst lachen kann wie Felix Lobrecht? Weil ich erst eine völlig humorfreie Dissertation schreiben musste, die eh keiner gelesen hat außer meinen Korrekturleser_innen und Gutachtern? Weil ich vielleicht einfach nicht lustig bin?!

Egal. Humor ja irgendwo eine Einstellungsfrage. Und ich will! Also auf zu den Stand-up-Comedy-Veranstaltungen in den Stavropoler Bars und Cafés. Da erzählen junge und weniger junge Leute auf einer Bühne über ihre Beobachtungen aus dem Alltagsleben. Meist ziemlich lustig. Manchmal nervig. Häufig absurd, ab und zu sogar politisch. Am Anfang der Veranstaltung wird immer gewarnt: Es kann vulgär werden. Ausdrücke der russischen Schimpfwortsprache „mat“ sind nämlich im Gegensatz zu den zensierten Comedyshows im Fernsehen erlaubt. Und geben dem Format etwas mehr Charakter. Denn der Gebrauch von „mat“ ist eine Kunst für sich: emotional, treffend und wortakrobatisch bei dem, der es beherrscht. Das Wort „Schwanz“ als Adjektiv, Substantiv, Partizip, Verb, Präposition und Konjunktion. Nur beim Artikel macht es schlapp (tschuldigung, ich wollte auch mal Felix sein!), den gibt es ja bekanntlich im Russischen nicht… Deshalb ist Stand-up-Comedy „18 plus“, wie man in Russland sagt. Ich hingegen mach erst mal auf bebrillte Intelligenz, um mein Mat-Defizit zu verschleiern.

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Neulich im hippen Stand-up-Club in Moskau. Ich komme ziemlich abgehetzt zum Eingang. Vor mir ein jüngeres Pärchen. Ich höre nur „18 plus“. Sie zeigt ihren Ausweis, er fragt, ob der Führerschein auch geht. Ich denke, scheiße!, Ausweis vergessen, noch mal zurück schaff ich nicht, und frage etwas panisch den Türsteher, der mit seinen breiten Schultern komplett im Türrahmen steht: „Eh, muss man echt ´nen Ausweis zeigen?“ Der Typ guckt mich schweigend an und meint dann knapp: „Sie nicht.“ Na, danke!

Die Standupper_innen sind dabei ganz normale Leute, und das ist für mich das Interessante. Wo bekommt man sonst so viel aus dem Leben erzählt und das aus der individuellen Sicht verschiedenster Menschen? Naja, hauptsächlich immer noch aus der von Männern. Aber eben auch von „Nicht-Russen“ (in Stavropol aus den nordkaukasischen Republiken), von Menschen mit verschiedenen körperlichen Besonderheiten, von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus und mit den unterschiedlichsten Berufen und Hobbys. Wenn man sich auf youTube die Mitschnitte des einmal jährlich in Moskau stattfindenden „Open microphone – Festivals“ mit über 1000 Teilnehmer_innen aus ganz Russland anschaut, bekommt man einen schönen Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die in diesem Land wohnen. Feuerwehrmänner, Buchhalterinnen, Gangster, Biker, Englischlehrer, Jurastudentinnen, Mütter, Väter und Kinder…

Nicht alle Themen, die im deutschen Comedy verhandelt werden, sind auch in Russland relevant. Über quinoaessende Hipster-Eltern wird sich nicht lustig gemacht. Die gibt es zumindest in der Provinz nicht. Die Hipster-Bärte und Barber-Shops sind jedoch auch im Kaukasus angekommen, was gern humoristisch aufgegriffen wird. So sind nämlich über Nacht die traditionell Vollbart tragenden Kaukasier aus dem – Vorsicht! – wilden Teil Russlands zu modischen Trendsettern geworden. Ach ja, (die orthodoxe) Religion ist definitiv ein Tabuthema. Das ist gesetzlich geregelt. Sollte man als Stand-upper_in auch besser wissen: Für die Beleidigung von Gefühlen religiöser Menschen kann man nicht nur von oben geächtet, sondern sogar verurteilt werden kann. Also immer schön korrekt bleiben, denn Präsident werden ist momentan auch keine Alternative. Apropos korrekt: So sehr auch einzelne Leute in ihren Auftritten mit Stereotypen brechen, so beliebt ist es in Stavropol leider, leider, Männer-Frauen-Klischees zu bedienen (gähn) und ständig Schwulenwitze zu machen (obergähn). Na gut, kehren wir lieber erst mal vor unserer Haustür.

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Julia Ahmedova… War mit ihrer Tour „Harassment“ sogar in Stavropol zu Gast. Da waren dann auch deutlich mehr Leute als zu den Bar-Stand-up-Shows. Ich finde sie ziemlich cool, weil sie gern mit Männer-Frauen-Klischees spielt und mit Mitte 30 eben auch Themen hat, die mir näher sind.

Jedenfalls dachte ich dann eben, das kann ich besser! Ich will auch! Mich kennt hier keiner! Ich kann alles auf meinen Akzent schieben! Ihr habt nur eine Deutsche in Stavropol, seid gefälligst nett zu mir! Wo ist das Mikro? Ich will endlich selber Hitler-Witze machen! Ich darf das! Bitte nicht filmen, das Material brauch ich dann noch fürs Fernsehen! Mist, jetzt hab ich den Text vergessen… Wieso lachen die an der Stelle? Das war doch ernst gemeint… Soll ich jetzt mit aufs Foto, weil ich Deutsche bin oder weil mein Auftritt einfach so gut war? Nächstes Jahr Mai, merkt euch das schon mal, bin ich dann beim landesweiten Festival in Moskau mit dabei! Aber jetzt bin ich erst mal der weibliche Star der Stavropoler Stand-up-Comedy-Szene: Janka Partisanka! Und bevor ihr nicht klatscht, denkt dran, der Eintritt war frei!

Danila Poperechnyj
Danila Poperechnyj… der Shooting-Star, füllt mit seinen 25 Jahren ganze Stadion, ohne je im Fernsehen gewesen zu sein. YouTube brachte ihm enorme Popularität. Kritisch, direkt, politisch. Hatte Ärger mit der Kirche wegen seiner Witze.

PS: Und wer mich nach meiner Rückkehr aus Russland im Sommer 2020 auch in Deutschland buchen möchte: Ich arbeite momentan an einer deutschen Übersetzung meines Soloprogramms. Damit bin ich auch schon weiter als mit dem russischen Original, denn der Titel steht bereits: „Humor hilft bei Durchfall.“ Ich werde mich mit dem schwierigen, zu Unrecht in der Öffentlichkeit gemiedenen Thema Durchfall autobiographisch auseinandersetzen. Die Zuschauer_innen können sich auf zahlreiche fröhliche Geschichten freuen, aber auch auf hilfreiche Tipps, wie sich jede_r einzelne ihrem oder seinem persönlichen Durchfall gegenüber am besten verhalten sollte. Ob Taufe, Hochzeit, Geburtstag oder Betriebsweihnachtsfeier. Ich passe mich ihren individuellen Wünschen an und integriere gern Täufling, Bräutigam, Geburtstagskind oder Chefin in mein Programm. Vor, nach oder beim Essen, je nach Absprache. Anfragen bitte über das Kontaktformular.

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