Planbarkeit und Pünktlichkeit

In Russland gibt es zwei Phänomene, die Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für Organisation und Pünktlichkeit regelmäßig an den Rand des Herzinfarkts bringen.

1) Im Voraus zu planen ist unmöglich. 2) Dass etwas pünktlich beginnt, höchst unwahrscheinlich.

Um nicht vorzeitig zu altern oder seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, sollte man sich also anpassen. Das klappt mal mehr, mal weniger gut.

IMG_1060

Als Übungsbeispiel für einen entspannteren Umgang mit Zeit könnte mir niemand besseres dienen als mein Kollege Sergej Sergejewitsch, mit dem ich – nun schon traditionell – eine große Veranstaltung an unserer Universität, einen Science-Slam für den Nordkaukasus, organisiere. Sergej Sergejewitsch könnte man mit folgender Episode charakterisieren.

Telefongespräch Dienstag in der Vorwoche

ich: Sergej Sergejewitsch, können Sie nächste Woche Dienstagnachmittag oder haben Sie da Unterricht? Dann könnten wir den Termin schon mal festhalten. Die Bewerberauswahl muss ja bis Donnerstag durch sein.

S.S.: Oh, also das kann ich noch nicht sagen. Lassen Sie uns am Dienstag noch mal telefonieren.

Ich: Also Dienstag ist mir zu knapp. Dann lieber am Montag telefonieren.

SMS von mir an S.S. am Freitag: Nadezhda Iwanowna schlägt auch Dienstag 14 Uhr vor.

Telefonat am Montagvormittag

ich: Und, Sergej Sergejewitsch, wie sieht es aus? Kollegin Nadezhda Iwanowa kann morgen um 14 Uhr, bei mir würde es auch gut passen, ich hab vormittags Unterricht.

S.S.: Mhm, ich weiß noch nicht, was morgen ist… Na gut, dann machen wir morgen um zwei.

Telefonat am Dienstag 9 Uhr

ich: Sergej Sergejewisch, ich wollte Sie nur daran erinnern, dass wir uns heute um 14 Uhr bei Nadezhda Iwanowa treffen.

S.S.: Ja, alles klar.

Telefonat am Dienstag um 14:15

ich: Sergej Sergejewitsch, was ist, kommen Sie? Wir warten.

S.S.: Ach, das war heute? Oh, ja ich, komme gleich.

Kollege Sergej Sergewitsch kommt fröhlich und unbeschwert um 14:35 Uhr zum Arbeitstreffen: „Haben Sie mal einen Stift und Papier?“ Zu allen Punkten erklärt er selbstbewusst „Das werden wir machen.“ und siegessicher auf jeden Einwand „Das klappt schon.“ Ja, Sergej Sergejewisch, mit Ihren Maßstäben klappt es bestimmt! Sage ich dann aber doch nicht laut.

IMG_1144

Ich habe im ersten Jahr unserer Zusammenarbeit verschiedene Strategien erprobt, auf Sergej Sergewitsch einzuwirken. Arbeitspläne, To-Do-Listen, glutenfreie Kekse, Telefonterror, Mediation, vorsichtige Kritik, Vodoo, Nachsicht, deutliche Kritik, Hypnose, Hammerwerfen… Übrig blieb schließlich Resignation. Neulich ergab sich aber zufällig eine gute Gelegenheit, aus meiner Rolle zu schlüpfen. Wir hatten um 12 Uhr einen Termin beim lokalen Fernsehen. Unser Science-Slam sollte beworben werden. Auf meine Nachfrage, was genau wir da machen werden, gab es wieder die entspannte Antwort „Ach, das sehen wir dann dort. Wir erzählen einfach ein bisschen.“ Wir verabredeten uns zehn Minuten vorher am Eingang des Fernsehsenders.

Also gut, ich such mir an dem Tag noch ein paar Statistiken zu den Bewerberzahlen raus und bestelle ein Taxi. Das erste Taxi wartet irgendwoanders, ich bestelle das zweite. Der zweite Taxifahrer steht mit mir vorbildlich im Stau und macht im Gegensatz zu seinen Kollegen keine waghalsigen Überholmaneuver. Ich bin sonst immer zu früh… Ich kann nicht anders und schicke ordnungshalber eine SMS, dass ich es wohl nicht ganz pünktlich schaffe. Ich bin erstaunlich entspannt. Und fast sicher, dass ich trotzdem die erste sein werde.

11:50 bekomme ich einen Anruf. „Wo sind Sie?“ – Typisch, denke ich, der hat nicht mal meine SMS gelesen. „Bin noch unterwegs.“ „Ja, wo denn genau?“ – „Na so auf Unihöhe.“ „Oh, dann sind Sie ja noch weit weg. Dann geh ich schon mal rein.“ Okay, denke ich, hätte ja ruhig auf mich warten können. Sind ja nur ein paar Minuten. 11:55 nächster Anruf: „Wo sind Sie jetzt?“ – „TSUM.“ – „Oh, da schaffen Sie es wohl nicht mehr.“ „Wie schaffen?“ – „Na, wir gehen gleich auf Sendung. Live“ – „Was?! Wir sind für eine Live-Sendung verabredet?! Wieso haben Sie das denn nicht früher gesagt?!“ – „Wusste ich doch auch nicht.“ 11:57 Anruf: „Wo sind Sie jetzt? Wir versuchen hier, noch ein bisschen Zeit zu schinden.“ – „Wir stehen in der Karla-Marksa. Aber es bewegt sich nix.“ – „Sagen Sie dem Taxifahrer, er soll schneller fahren.“ 12:00 Anruf: „Wie sieht es aus? Hier sind alle schon nervös.“ – „Wir sind die Parallelstraße lang. Das scheint hier schon die richtige Straße zu sein. Theoretisch noch 300 Meter.“ „Sagen Sie dem Taxifahrer, er soll Sie direkt in den Hof fahren, dort holt man Sie ab. Vielleicht schaffen Sie es doch noch.“

Der Taxifahrer hat den Ernst der Lage erkannt und ist bei seiner Berufsehre gepackt. Schon biegen wir in den Hof ein, ich springe aus dem Auto und sprinte zum Eingang. Eine Frau mittleren Alters führt mich mit raschem Schritt in die 2. Etage. Nimmt mir Jacke und Tasche ab. „Jana. Wie alles begann“, denke ich, und beobachte aus wackliger Handkameraperspektive, wie die Frau und ihr Kollege eilig ein Mikrofon an meine Kleidung nesteln. „Noch 20 Sekunden!“ Im Laufschritt nehme ich meine Umgebung kurz war: Aha, so sieht also ein Fernsehstudio aus, könnte auch irgendein Startup in Deutschland sein, nur halt mit Security. Dann werde ich durch eine Tür in einen halbdunklen Raum geschoben und es ertönt die dramatische Erkennungsmelodie der Mittagssendung. Das Licht geht an und ich stehe neben meinem Kollegen Sergej Sergewitsch. Rücken gerade, denke ich noch und die blonde Moderatorin begrüßt die imaginären Zuschauer. Die hat wenigstens ihre Moderationskarten in der Hand, was soll ich jetzt mit meinen Händen machen? Wird man nicht vorher abgepudert? Bei meinem Kollegen scheint es zumindest nicht geholfen zu haben, ihm stehen winzige Schweißperlen auf der Stirn. Sitzt man nicht normalerweise? Muss ich da jetzt einen Fuß leicht vorstellen? Ich hätte bei all den Fotoposen meiner Studentinnen mal besser aufpassen sollen. Und über was reden wir jetzt? Hoffentlich mache ich jetzt keine groben Grammatikfehler… Ich hätte mir doch wenigstens ein paar Einleitungsphrasen notiert, wenn ich das gewusst hätte… Bestimmt blinzel ich wieder die ganze Zeit so komisch. Die Moderatorin stellt ihre Fragen, Sergej und ich antworten abwechselnd. Viel lockerer als ich wirkt er neben der Mittagsmagazindame auch nicht. Das Alter der Frau ist so schwer zu schätzen, mein Alter oder doch wesentlich jünger? Hochhackige Schuhe, halblange perfekt sitzende Haare, dunkler Blazer, enge Hosen. Mein Hals wird immer trockener. Dann muss ich etwas über meine Stipendienarbeit erzählen. „Janotschka, sagen Sie bitte…“ Die Moderatorin fragt inzwischen so begeistert, als würde sie selbst gern nach Deutschland auswandern. Ich erkläre natürlich, dass es nicht darum geht, in Deutschland zu bleiben. Sehr gut, der Punkt Braindrain ist damit auch abgehakt und ich habe nicht die ganze Zeit nur dümmlich lächelnd genickt. Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei, wir werden wieder herausgeschoben, die Mikros werden uns abgenommen und ich bekomme ein Wasserglas am Empfang. Halt, ich habe doch die Statistiken vergessen! Wie hieß die Moderatorin gleich noch mal? Nur falls ich noch mal kommen wöllte… Für die Fortsetzung oder so. Ich hätte ja gern mehr über den Sender erfahren, aber wir bestellen schon das Taxi zurück zur Universität. Sergej Sergewitsch wirkt etwas erschöpft. Ich muss plötzlich grinsen. Ich klopfe ihm auf die Schulter und sage: „Sehen Sie, hat doch wieder alles super geklappt.“

IMG_7638

Die Rätselfrage:

Was ist „Tsejtnot“ (Zeitnot)?

a) Die Abwesenheit von Zeit.

b) Das Fehlen von Zeit beim Schachspiel, um den nächsten Zug zu überdenken.

c) Eine chronische Krankheit in Russland.

d) Das Gegenteil von gutem Zeitmanagement, häufig synonym für „im Stau stehen“ verwendet.

Richtig sind alle Antworten. Der Ausdruck aus der Schachwelt (nach dem Einführen von Zeitbegrenzungen bei Turnieren) hat sich auch im russischen Alltag verbreitet. Der Kontext von Tsejtnot ist dabei ambivalent. Nach langjährigen Untersuchungen komme ich zu dem Schluss, dass Tsejtnot eine direkte Folge von Tsejtüberfluss ist. Weil ja gern alles „auf den letzten Drücker“ gemacht wird. Richtige Tsejtnot tritt deshalb bei organisatorischen Dingen spätestens am Tag des durchzuführenden Events auf. Gleichzeitig ist Tsejtnot aber auch eine Folge der Lebensumstände vieler Menschen. Wer drei Jobs hat, ist automatisch in Tsejtnot, hat jedoch keine Zeit, sich darüber zu beschweren. In Stavropol hört man übrigens selten, dass jemand in Tsejtnot sei, dafür häufiger die knappe Erläuterung „Stau“ (probki). DIE Universalerklärung für jedes Zuspätkommen, tageszeitenunabhängig. Wird immer mit Verständnis aufgenommen und funktioniert selbst bei Fußgängern.

Werbeanzeigen

4 Gedanken zu „Planbarkeit und Pünktlichkeit

  1. Super Text wieder. Ohne die richtige Mischung von Pragmatismus, Dickhäutigkeit und Ironie halten Deutsche es in Russland sonst nicht so lange aus wie Du, liebe Jana.
    Wobei zum Stau wir neulich einen anderen Eindruck hatten. Der Verkehr war harmlos im Vergleich zu andernorts. Vielleicht war es auch einfach nur Zufall, und wir haben genau die staufreie Tsejt erwischt.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s