Zweimal Ostern oder Zwischen Schule, Krankenhaus und Sportplatz

Irgendwie kam das deutsche Ostern dieses Jahr etwas plötzlich. Und eine Woche später gleich das orthodoxe Ostern. Zum Innehalten kamen wir an keinem der beiden Osterfeste. Und das lag nicht nur daran, dass es in Russland keinen zusätzlichen Feiertag zum orthodoxen Ostersonntag gibt.

EJKW3592
Kulitsch, der traditionelle Osterkuchen mit Glasur

Karfreitag

Am katholisch-evangelischen Karfreitag sollte nun der erste Informationsnachmittag für die Eltern der neuen Erstklässler*innen stattfinden. Im kommenden Schuljahr wird unser Ältester in einer russischen Grundschule eingeschult. In der staatlichen Schule Nr. 18. Die liegt ganz in unserer Nähe, 2 Minuten Fußweg plus 5 Minuten an der großen staubigen Kreuzung warten und noch einmal 3 Minuten zu Fuß. Schulen tragen in Russland übrigens keine Namen, sondern Nummern. Ist ganz praktisch, so konnten die offiziellen Bezeichnungen der Schulen den Systemwechsel unbeschadet überstehen. Nur ich konnte mir lange die Nummer unserer Schule nicht merken. Wir sitzen mit all den anderen Eltern aufgeregt in einer winzigen „Aula“ und blicken auf die Bühne, wo kleine Mädchen und Jungs von ihrer fröhlichen Zeit in der Schule singen. Die Mädchen tragen die riesigen weißen Schleifen im Haar, die so zeitlos sind wie so manches in diesem Gebäude. Die Schuldirektorin stellt sich vor. Die Ähnlichkeit mit der bösen alten Dame Schapoklak aus dem sowjetischen Kult-Trickfilm „Krokodil Gena und seine Freunde“ ist verblüffend. Ich blicke mich suchend um. Wo ist ihre Handtasche, in der sie ihre Ratte Lariska herumträgt? Nicht zu sehen. Außer mir scheint niemand unruhig zu werden. Die anderen müssen das doch auch merken?! Ich versuche, mich auf Schapoklaks Vortrag zu konzentrieren. Vier neue Klassen wird es zum 1. September geben, mit je 25 Kindern. Die neuen Lehrer*innen (Lehrerinnen?) werden noch eingestellt. Ich denke kurz an meine Studierenden, die alle entsetzt auf die Frage reagierten, ob sie später an einer Schule arbeiten wollen. Zu viel Papierkram im Schulalltag, zu wenig Geld, zu freche Kinder und viel zu viele Unterrichtsstunden… Nein, nein, natürlich finden sich welche, antwortet die Direktorin auf die besorgte Nachfrage einer Mutter. Ich schweife in Gedanken gleich wieder ab zu den Beschwerden meiner Freundinnen und Kolleginnen mit schulpflichtigen Kindern, die alle ohne Ausnahme von Hausaufgaben Machen bis 23 Uhr erzählen. Mit den Eltern wohlgemerkt. Mir fällt außerdem meine deutsche Freundin ein, die in Kirgistan in einem russischen Kindergarten immer die Hausaufgaben für ihre Tochter machte, damit diese nicht zur Außenseiterin wurde. Auf mein ungläubiges Nachfragen meinte sie, sie könne den Kindergärtnerinnen ja nicht ständig erklären, wie merkwürdig sie deren pädagogisches Konzept mit dem unsystematischen Abschreiben von Buchstaben und Zahlen fände. Ich sehe mich bereits mit dem Ehemann jeden Abend über Schulhefte gebeugt, neben uns auf der Couch die schlafenden Kinder. Mit spitzem Bleistift und in hoher Tonlage versuchen wir, den jeweils Anderen von der Richtigkeit der eigenen Lösung zu überzeugen. Angeblich schaffen es die Eltern der Grundschüler*innen nicht, mit vereinter WhatsApp-Gruppen-Anstrengung die Aufgaben ihrer Kinder zu lösen… Die Direktorin berichtet inzwischen von den gesetzlich vorgeschriebenen Computern in allen Klassenräumen (leider alle von 2009), vom Mittagessen für 50 Cent (bestimmt à la wässriger Mensa-Kartoffelbrei), vom kostenlosen Hort bis 15 Uhr (Gott sei Dank!) und vom Zweischichtensystem aufgrund der schwierigen Raumsituation (noch nicht für die unteren Klassen). Wir werden noch durch die Räume geführt, besuchen das schuleigene Marinemuseum (nein, Stavropol liegt nicht am Meer) und müssen wieder schnell zurück in den Kindergarten, unsere drei Recken abholen.

Madame Chapeauclaque
„Schapoklak“ in Eduard Uspenskijs „Krokodil Gena und seine Freunde“

Ostersamstag

Endlich den Osterschmuck fertig basteln. Eier gemeinsam ausblasen, Eier zum Anmalen für den Jüngsten kochen. Die Älteren pinseln fleißig, der Jüngste isst seine Eier lieber. Am Nachmittag noch mal raus mit den Kindern. Wir balancieren auf den Eisenschwebebalken vom Militärsportplatz hinterm Haus. Der Kleinste fällt runter. Leider hüpft er anschließend nicht wieder herum wie üblich, sondern klammert sich an mir fest und weint ununterbrochen. Das riecht nach Krankenhaus… Einige Anrufe später beschließen wir in die staatliche Kinderklinik Filipskogo zu fahren. Dort kennt sich der Ehemann schon gut aus. Der Älteste hatte dort regelmäßig seinen Gipsarm vorgestellt. Sollte es jedoch eine Gehirnerschütterung sein, müssten wir in ein Kinderkrankenhaus ans andere Ende der Stadt fahren… Private Ambulanzen und Kliniken, das hatten wir bei dem Großen zu unserer Verwunderung schon herausgefunden, befassen sich mit solchen komplizierten Angelegenheiten wie Knochenbrüchen nur bedingt. Also in den sogenannten „Travmpunkt“ im Filipskogo. Offensichtlich hatte der Jüngste ein gutes Timing. Samstag gegen 18 Uhr ist es ungewöhnlich entspannt, wir sind zunächst die einzigen. Die Patientenaufnahme dauert dennoch und trotz des Computers ewig. Die zweite Schwester im Raum erzählt von den anderen ausländischen Patient*innen: „Bei uns waren sogar schon Amerikaner. Sind hochzufrieden wieder gegangen.“ Die erste Schwester hat es geschafft, unsere Namen in den Computer einzugeben und hakt nach: „Was, Sie haben keine Versicherung?“ – „Wir zahlen.“ Einen Raum weiter ist der weißhaarige Arzt an seinem Schreibtisch so gesprächig, wie sein Verdienst wohl hoch ist. Er tastet kurz den Oberkörper des kleinen Patienten ab. Der Jüngste weint. „Schlüsselbeinbruch.“ Bis die Diagnose bei mir ankommt, sind wir schon bei der Schwester im Nachbarraum zum Röntgen. – „Nein, wir haben keine Versicherung. Wir zahlen.“ – Gut, das lege dann der Arzt fest. Ich stehe hilflos mit den kleinen Schuhchen und dem Hemd des Jüngsten herum. Der Ehemann ist verwundert, der Röntgenapparat ist offensichtlich neu. Mit dem Großen hat er stets mehrere Stunden in einer langen Schlange vorm Röntgen verbracht; die Bilder mussten erst entwickelt werden. Wir sind schon wieder beim Arzt, der den Bruch auf seinem Rechner zeigt und uns mit dem Finger nach gegenüber schickt. Eine korpulente ältere Schwester macht sorgfältig die Binde mit dem Gips feucht. Der Jüngste sitzt aufrecht auf der Liege und weint. Die Schwester umwickelt vorsichtig seinen angewinkelten rechten Arm und die Schulter. „Ach, mein kleiner Spatz!“, beruhigt sie ihn mit ihrer Märchentantestimme. Der Jüngste schluchzt gefasst. Vom Flur schauen angstvoll ein etwa vierzehnjähriges Mädchen mit hängendem Arm und ein blasser zehnjähriger Junge herein. In einer Woche sollen wir wiederkommen, sagt der Arzt in zwei Worten. Wir bezahlen nichts.

IMG_7922
Der Große auf dem Sportplatz hinterm Haus

Ostersonntag

Wir pflücken den Verunfallten von der Sprossenwand in der Stube. Die Aussicht auf eine wortwörtliche Rundumbetreuung des Jüngsten für die nächsten Wochen hebt die Stimmung unter den Erwachsenen nicht gerade. Der Kleinste hingegen freut sich tierisch über unsere ernsten Gesichter und den erhobenen Zeigefinger und rennt umso schneller davon, den schelmischen Blick rückwärts über die Gipsschulter gewandt. Wir setzen die Kinder vor die Sendung mit der Maus. Ich schleiche mich mit meinem Beutel zum Sportgelände hinterm Haus. Dieses Mal sehe ich keine spazierengehenden Hunde. Sehr gut. Einem musste ich nämlich letztes Jahr die Schokoeier entreißen. Und mich den strengen Blicken der Hundebesitzerin aussetzen, während ich stotterte, dass da noch mehr versteckt sei und sie lieber auf ihren Hund achten solle. Wahrscheinlich verdächtigte sie mich, gezielt Hunde vergiften zu wollen. Der Wind ist heute eisig. Dabei war es die Woche davor schon sommerlich-warm. Dieses Jahr liegt nicht so viel Müll rum, der von den begeisterten Kindern mit Süßigkeiten verwechselt werden könnte. Ich verteile meinen Beutelinhalt zwischen Bäumen und Sportgeräten aus einem anderen Jahrhundert. Dann rennen auch schon die Kinder über die Wiese und schwenken ihre selbst gebastelten Osterkörbchen aus Plastikflaschen. Der Jüngste wird im Buggy geschoben. Der Mittlerste weint, weil der Älteste gerade eine Paw-Patrol-Uhr im Gras gefunden hat. Der Jüngste sitzt im Wagen und lässt sich seine Ostereier bringen. Der Mittlerste hat eine Turtle-Uhr gefunden. Der Osterhase hat offensichtlich gegeizt. Im Kindergarten sind die Kinder-Smartwatches mit GPS, mit denen man telefonieren kann, voll im Trend. „Und außerdem wissen Sie dann immer, wo Ihr Kind ist!“, meinte neulich die begeisterte Kindergärtnerin. Selbstverständlich sind wir und der Osterhase sofort und aus Prinzip dagegen. Wo kommen wir denn da hin!? Die Kinder sind trotzdem mit dem Osterhasen zufrieden. Und ich bin erleichtert, dass der Älteste auch über den religiösen Gehalt von Ostern Bescheid weiß. Auf dem Klo sitzend erklärt er mir, dass Jesus Christus erst richtig tot war und dann wieder lebte… Eine Art Zauberei also. Wie Baba Jaga! Ich nicke abwesend; muss noch den Unterricht für morgen vorbereiten.

IMG_7905

Abspann: Orthodoxes Ostern

Das orthodoxe Ostern in der darauffolgenden Woche: Am Freitag bin ich auf Dienstreise im Kurort Pjatigorsk. Auf der Straße werden überall Tulpen und Kulitsch verkauft. Die Temperaturen liegen bei über 20 Grad. Als ich Ostersamstag zurückkehre, ist die Babuschka abgereist, um sich zu Hause auf das Osterfest vorzubereiten. Sie geht in der Osternacht immer in den Gottesdienst. Die Kinder und ich gehen im Botanischen Garten spazieren. Der Jüngste hüpft und rennt. Naja, denke ich, trainiert ja den Gleichgewichtssinn. Ostersonntag. Ich begrüße den Ehemann vorbildlich mit dem orthodoxen Ostergruß „Isus woskrese“ (Jesus ist auferstanden.) und bekomme zur Antwort „Wo istinu woskrese.“ (Er ist tatsächlich auferstanden.) Pause. Der Ehemann: „Christos, nicht Isus.“ Mhm, ich hab es irgendwie nicht so mit Namen. Gut, dass Jesus nicht auch noch einen Vatersnamen hat. (Die Frage muss sich doch schon jemand vor mir gestellt haben: Wie hieße der denn dann? Jesus Bogewitsch Christos? Oder ist Christos der eigentliche Vatersname, nur nicht in der russischen Form Christosewitsch? Dann hieße Gott – russisch bog – ja aber Christos! Warum gibt es eigentlich keine russische Sendung mit der Maus?!) Am Nachmittag treffen wir uns mit befreundeten Müttern und deren Kindern im Park. Wir essen den Kulitsch einer mir unbekannten Schwiegermama. Leckerer Rührkuchenteig mit Streuseln. Der Jüngste füttert jauchzend die Tauben damit. Für uns heute ein ganz normaler Tag. Die meisten Geschäfte haben geöffnet. Nur das Schuhgeschäft für Kinder hat zu. Und ich muss noch für morgen Unterricht vorbereiten.

Zum Abschluss eine Rätselfrage zu einem orthodoxen Osterbrauch:

Was ist „Eier schlagen“?

a) Das Schaumigrühren von Eiern für den Osterkuchen (Kulitsch).

b) Das Suchen von Eiern mit verbundenen Augen und einem Kochlöffel.

c) Das Gegeneinanderschlagen von gefärbten Eiern.

d) Die russische Variante von „Eier schaukeln“.

Richtig ist c). Eier werden meist am Ostersamstag gefärbt und zum Osterfrühstück treten die hartgekochten Eier gegeneinander an: Derjenige, dessen Ei beim Aufeinanderschlagen von zwei Eiern nicht kaputtgeht, hat gewonnen! Und ist der Coolste fürs restliche Jahr.

3 Gedanken zu „Zweimal Ostern oder Zwischen Schule, Krankenhaus und Sportplatz

  1. Liebe Jana, wie immer eine Wonne von euch zu lesen. Wir hoffen, dass es M. schon besser geht und er den Gips los geworden ist. Die Hausgemeinschaft fragt an, wann ihr denn in Jena eintrudelt? Am liebsten wäre uns allen August 🙂 Wir freuen uns von euch zu hören.

    Liken

  2. Gefällt mir, was du da schreibst von Schule, Ostern und Leuten um dich herum. Einiges habe ich auch so erlebt, anderes anders. Mir gefallen deine Schilderungen zum aktuellen Verhalten. Leider haben unsere Medien für russisches Alltagsverhalten keinen Docht. Für die Masse der Deutschen, besonders West, ist Russland feindliches Ausland – zunehmend.
    Nach deinem 1. Beitrag habe ich bei WordPress auch eine Seite angelegt und über meine ganz individuellen Erlebnisse und Eindrücke zu 30 Jahre nach der Wende geschrieben. Mal lesen!? Bitte bei Beitrag 1 beginnen …
    http://gedankenspielhome.wordpress.com

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s