Zugfahren

Ich liebe Zugfahren in Russland. Nicht wegen des Hühnchens und dem Wodka, mit denen der ausländische Reisende sofort von seinen Reisenachbarn bewirtet wird. Auch nicht wegen der geräucherten Fische, selbstgemachten Piroggen und den eingelegten Tomaten, die den Reisenden bei längeren Aufenthalten an Provinzbahnhöfen von Babuschkas verkauft werden. Irgendwie esse ich auf Reisen einfach nicht mehr so viel wie früher, vom Trinken ganz zu schweigen.

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Bahnhof in Wolgograd

Ich liebe das Zugfahren, weil es so schön langsam, so rhythmisch ist. Und weil es den geographischen Raum wieder erfahrbar macht. Viel zu selten bin ich im letzten Jahr mit dem Zug gereist. Zweimal ans Schwarze Meer, mit der ganzen Familie. Da bleibt jedoch wenig Zeit für Meditationen. Nun also sollte es auf Dienstreise nach Wolgograd gehen. Allein. Mit dem Zug, schön gemächlich über Nacht, 15 Stunden Fahrt für weniger als 600 km. Kein unruhiger Schlaf in der Nacht zuvor, kein viel zu frühes Aufstehen, um den ersten Aeroflot-Flug nach Moskau zu nehmen und dann dort umzusteigen zu müssen. Kein Gestresstsein von der Frage, ob aufgrund des häufigen Nebels die letzte Maschine in der Nacht überhaupt gelandet ist oder ob der Flug aus anderen Gründen eventuell gestrichen wird.

Stattdessen setze ich mich am Abend voll Vorfreude ins Taxi. Der Schneegriesel auf den Straßen nimmt zu. Der Fahrer bestimmt die nächste Stunde das Gespräch, bis wir in der kleinen Industriestadt Nevinnomyssk ankommen werden, Ausgangspunkt für meine Zugreise. Nach fünf Minuten Fahrt hält er kurz an, um die Scheinwerfer mit einem Lappen sauberzumachen. Sein weißes Haar hat er zu einem kleinen Zopf im Nacken zusammengebunden. Mit seinem gestutzten Bar wirkt er fast wie ein kräftiger Durchschnittsamerikaner vom Lande. Dann erzählt er von seiner Arbeit im Norden Russlands, wo er zu Sowjetzeiten viel Geld verdiente. Als Fahrer war er außerdem in der ganzen Sowjetunion unterwegs. Er zeigt auf die Wiesen und Felder, an denen wir vorbeifahren. „Hier war früher alles voll mit Kühen und Schafen. Und jetzt? Nix! Ist doch klar, dass Eier und Fleisch importiert sind. Und die Milch aus Pulver. Das haben sie sogar im Fernsehen gezeigt! Ich hab mal kurzzeitig als Security in so einem Betrieb gearbeitet. Was ich da gesehen habe…“ Ich denke an die Aufschrift auf unseren Milchtüten: „Nicht aus Milchpulver hergestellt.“ Die werden doch nicht…? Der Taxifahrer erklärt: Profitgier (zhadnost´) ist das Problem! Und Korruption. Ich nicke zustimmend.  Und dann noch die Erhöhung der Nebenkosten für seine eigene Dreiraumwohnung! Zehntausend Rubel (133 Euro) im Monat zahlte er bis vor Kurzem, seit Januar sind es 11.000 Rubel. Ich denke an meine Kollegin an der Uni, deren Gehalt für eine halbe Stelle im Internationalen Büro nicht einmal für die Nebenkosten ihres Hauses reicht. Aber Wowa?!, schimpft der Taxifahrer weiter. Dem ist das ja egal! Ich solle ihn nicht falsch verstehen, er liebt sein Land, aber er hasst die Regierung! Sein Land würde er bei einem Angriff von außen sofort mit einem Maschinengewehr verteidigen. Mir fällt wieder ein, dass ich ja nach Stalingrad fahre.

Inzwischen sind wir am Bahnhof angekommen. Ich passiere die Sicherheitskontrolle und setze mich in den Wartesaal. Mit mir warten Skifahrer, alten Damen mit Hündchen und junge Männer mit Sporttaschen. Es ist 22:15 Uhr, als wir per Lautsprecherdurchsage aufgefordert werden, zum Bahnsteig zu gehen. Träge setzen sich die Menschen in Bewegung. Der Wind ist kalt, als wir die Gleise überqueren. Wir warten erneut. Die Passiere haben ihre Taschen an den Stellen abgestellt, an denen sie ihren Wagen vermuten. Wie in Zeitlupe fährt der Zug endlich ein. Trotzdem entsteht kurz Hektik, weil die Taschen mit ihren Besitzern ihre Position der des gesuchten Waggons anpassen. Am Einstieg steht die Zugbegleiterin und kontrolliert die Fahrkarten und die Pässe. Ich bin die einzige mit elektronischem Ticket und klettere fröhlich die schweren Eisenstufen in den Waggon. Die Zugbegleiterin hievt mir von unten meinen kleinen Koffer nach. Ich freue mich schon auf die obere Etage des Doppelstockbettes, wo man immer ungestört ist. Ich freue mich auch immer wieder, dass die Zeiten des restriktiven Kloverschließens – eine Stunde vor und eine nach den Bahnhöfen – vorbei sind. Beim Beziehen des Bettes und beim Hochklettern merke ich, dass ich räumliche Enge nicht mehr gewohnt bin. Egal, gegen halb zwölf bin ich unter sanftem Ruckeln eingeschlafen. Nachts werde ich kurz vom Weinen eines kleinen Kindes wach. Nicht meins, stelle ich befriedigt fest und schlafe weiter. Am nächsten Morgen fehlt der Mann vom Doppelstockbett gegenüber. Auch die beiden älteren Frauen von den seitlichen Betten am Gang sind schon früh ausgestiegen. Die eine hatte sich noch meine Badelatschen für den Klogang ausgeliehen. Waren wohl auf Kur, der Zug kommt aus Kislowodsk, einem bekannten Kurort im Kaukasus. Die beiden Frauen unter mir frühstücken, und auch ich hole mir heißes Wasser aus dem zugeigenen Samowar, einer Art Kessel. Ich trinke meinen Schwarztee auf dem freigewordenen Tisch am Gang. Die Landschaft draußen ist angenehm öde. Die Gespräche der übrigen Passiere lassen sich je nach Laune belauschen oder überhören. Weiter vorn wird sich obligatorisch über die Klimaanlage beschwert. Immerhin, denke ich, heutzutage muss man sich nicht mehr totschwitzen wie früher. Eine junge Frau wischt den Abteilboden. Das Klopapier ist gegen Mittag immer noch nicht alle. Aus dem Dialog meiner beiden Mitreisenden erfahre ich, dass es eine Zeitverschiebung gibt. Aha, also reisen wir eigentlich eine Stunde weniger. Weiter hinten ist eine Babuschka mit ihrer Teenagerenkelin unterwegs und versichert ihrer Tochter über die immer wieder unterbrochene Telefonverbindung ungeduldig: „Hier gibt es nichts zu fotografieren! Soll ich dir etwa ein Bild von ihr auf ihrem Sitz schicken?!“ Ich trinke weiter Tee, lächle glücklich und betrachte die Schneereste in der grauen Landschaft. Ständig tauchen Schienen hinter uns auf, die sich weiter in die Steppe ausdehnen, so als würden wir im Kreis fahren. Gigantische schmutzige Kornsilos nicken mir zu. Ab und zu blitzen hellblau gestrichene Bahnhofshäuschen an der Strecke auf und durchbrechen meinen Schwarz-Weiß-Film. Auch die zwei Frauen gegenüber haben Lippenstift aufgelegt, die Schlafanzughosen jedoch noch anbehalten.

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Ich lese in meinem Reiseführer über Wolgograd. Hier also steht die größte Lenin-Statue, am Wolga-Don-Kanal! Später werde ich an genau der Stelle einen Jugendlichen beobachten, der auf einen Eisblock am Wolgaufer springt, das Gleichgewicht verliert und sich den Fuß zwischen zwei Eisschollen einklemmt. Er wird in seiner durchnässten Jogginghose davonhumpeln, zwei schadenfrohe Mädels im Schlepptau. Welch Ironie, werde ich denken, ganz Wolgograd ist vereist, ob Fußweg, Park oder Treppen und er rutscht ausgerechnet bei seiner Stunteinlage auf dem zugefrorenen Fluss aus… Dem Leben in der ehemaligen deutschen Herrnhuter Gemeinde „Alt-Sarepta“, lese ich weiter, kann man noch in einem Freilichtmuseum nachspüren. Ebenso dem Übernatürlichen, wie ich vor Ort erfahren werde. Die sympathische Gästeführerin wird über das friedliche Zusammenleben der Deutschen mit den Kalmücken erzählen, über zugeloste EhepartnerInnen innerhalb der Missionarsgemeinde und über die Kollegen der Fernsehshow „Ekstrasensy“, die dem Geheimnis des Geistes von Johannsen auf der Spur waren. Sie wird uns ohne Augenzwinkern das Fass im dunklen Weinkeller zeigen, mit dem man die von „Ekstrasensy“ bestimmte energetische Stelle verschlossen hat. Und sie wird hinzufügen, dass der unruhigen Seele des deutschen Kaufmanns nun gedacht wird, indem man ihr Essen und Trinken hinstellt. Unsere Gästeführerin wird dabei selbst gesehen haben, dass es an diesem Ort nicht mit rechten Dingen zugeht. Ein schräg ans Fenster angelehnte Buch wird völlig gegen die Gesetze der Schwerkraft nach vorn umgefallen sein! Und nein, es gab keinen Zug!

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Bibliothek der Herrnhuter-Gemeinde in Alt-Sarepta

Doch davon ahne ich noch nichts und lese weiter über das 1954 eröffnete Planetarium, dessen Projektor im Carl-Zeiss-Werk in Jena hergestellt wurde. Ich blättere nach hinten zum gastronomischen Teil, lerne, dass Senföl eine lokale Spezialität ist und überlege, dass so ein Barbesuch mit Livemusik auch mal wieder nett wäre. Wird er auch gewesen sein, der Barbesuch, die Band auch. Leider werden mein Kollege und ich an diesem Freitagabend – am Vorabend des Tags der Vaterlandsverteidiger (Russländischer Patriotismus oder Tag des Vaterlandsverteidigers) – den Irish Pub fluchtartig verlassen müssen. Wir werden den bärtigen Mann mit Glatze zunächst für einen friedlichen Metaller halten und uns nichts dabei denken, dass er uns sehr bestimmt zu sich an die Bar zieht. Doch der riesige Wikinger wird in uns seine neuen deutschen Freunde sehen, die er mit niemandem teilen will. Alle, die sich uns nähern werden, weil sie etwas an der Bar bestellen wollen, werden mit seinen wuchtigen Pranken zur Seite geschoben werden. Wie zwei kleine Marionetten wird er uns unnachgiebig über die Tanzfläche führen. Keinem von uns wird es gelingen, sich eigenmächtig aus seiner trunkenen Umklammerung zu befreien. Ich werde noch vermuten, dass er nüchtern ebenfalls ein Mann der Machtdemonstration sein muss… Bei dem Abschnitt über die Museen und Erinnerungskomplexe zum 2. Weltkrieg frage ich mich, ob ich die alle in einer Woche neben meinem normalen Programm schaffe. Tatsächlich werde ich fast alle besucht haben. Tief beeindruckt eher von den kleinen Details, als von dem Monumentalen. Ein kleines weißes Schild im Schnee unter der riesigen Statue Mutter Heimat ruft wird warnen: „Betreten des Brudergrabes verboten. Hier ruhen 34.505 Menschen.“

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Die Zugbegleiterin ist schon vor einer Weile durch den Waggon gegangen, hat den bis Wolgograd Reisenden ihre Fahrscheine zurückgegeben. Auch ich werde daran erinnert, den Ausstieg nicht zu verpassen. Meine beiden Frauen fahren weiter bis Saratow, Ankunft gegen halb elf abends. Es ist inzwischen drei Uhr nachmittags und ich denke, dass Saratow bestimmt auch eine Zugfahrt wert ist.

Die Rätselfrage zum Schluss – Für Russlandreisende dieses Mal eine Kleinigkeit:

Was ist „platskart“ (Platzkart)?

a) Ein Liegewagen der Russischen Eisenbahn.

b) Eine Karte für Fußballspiele in dem neugebauten Stadion „Wolgograd-Arena“.

c) Ein gemütliches Brettspiel für Leute, die Gokart doof finden.

d) Eine Tischkarte, die die Sitzordnung im Bordrestaurant festlegt.

Die richtige Lösung ist natürlich a). Wobei damit außerdem gemeint ist, dass man nicht kupe (im Viererabteil, das durch eine Tür abgetrennt ist) fährt, sondern dass es sich um einen offenen Waggon mit etwa 50 Plätzen handelt. Die unbeliebtesten sind die am Gang (bokovye… die seitlichen). Die bereits im letzten Beitrag zitierte Band Leningrad hat diesem Phänomen sogar einen Titel gewidmet „Wir fahren platskart, Plätze am Gang“. Die unteren Schlafplätze sind häufig am schnellsten ausverkauft. Wer lieber – so wie ich – oben liegt, bekommt meist noch ein Bett. Dafür muss man sich sportlich nach oben schwingen, es gibt nur eine Art Stufe und der Abstand zum Nachbarbett ist gering. Dafür tritt einem aber niemand aufs Bett oder will sich dazusetzen, um an dem einzigen Tisch für vier Parteien sein Hühnchen zu essen.

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Privatsphäre gibt es nur oben

2 Gedanken zu „Zugfahren

  1. Der Komfort eines russischen Platskartnyj ist mindestens so gut wie bei uns in Mitteleuropa. Für mich steht und fällt alles mit der Hygiene. Wenn ich in den letzten Jahren gefahren bin, war das stets tiptop: Neu oder renoviert, sauber, gutes Bettzeug, angenehme Temperatur. Bloß einmal haben wir keinen RZhD-Zug, sondern einen aus Moldawien erwischt. Da waren wir froh, als wir wieder draußen waren.

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    1. Das stimmt. Ich bin überzeugte Platskartnyj-Fahrerin, habe früher aber echt immer unter der verschlossenen Toilette gelitten. Der Service hat sich auch stark verbessert, wobei ich das Personal schon von „damals“ in guter Erinnerung habe.

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