Feiern mit Lenin

Keine Party ohne ihn. Still im Hintergrund, von allen scheinbar unbemerkt und doch mit stolzem Blick, eine Hand kraftvoll erhoben, wacht er über allen öffentlichen Feierlichkeiten. So als wolle er sagen, macht euer Ding, mich hat man in den 90ern nicht gestürzt, ich werde noch so einige Jahreswechsel mit euch feiern! Der unsterbliche Lenin eben.

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Lenin in Stavropol

Lenin steht in Russland immer noch gern auf dem Platz vor der städtischen Duma. (Landeskundliche Zusatzinformation 1: Im Gegensatz zur Ukraine, wo laut Angaben des Präsidenten Poroschenko bis Mai 2018 knapp 1500 Lenindenkmäler abgetragen wurden, stört sich in Russland weder die Bevölkerung noch die Politik am kommunistischen Revolutionär Lenin. Es werden lediglich Diskussionen darüber geführt, ob man Lenins Leichnam aus dem Mausoleum entfernen und begraben soll.)

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Lenin in Zelenokumsk

In Zelenokumsk steigt die Silvesterparty am 31. Dezember von 20-22 Uhr auf dem zentralen Leninplatz. Auch wir sind wieder dabei. Wie angenehm: Keine Metalldetektoren wie in Stavropol, keine Absperrung, gegen halb neun sieht man noch nicht einmal die Polizei. Dafür gibt es drei kleine improvisierte Verkaufsstände mit allerlei Leuchtkram und Zuckerwatte. Das Schwein Pepa hat nun ein besonderes Verkaufsargument. Man sieht es bereits es bereits als Gasluftballon hier und da über den Leuten in der Luft schweben. Die hübschen, märchenhaft leuchtenden Luftballons am Stab vom letzten Jahr haben es nun auch nach Zelek geschafft. Die Lautstärke, die von der Bühne kommt, ist irgendwie erträglich. Man merkt, dass wir nun schon das zweite Jahr in Russland sind. Der Jüngste geht auf Entdeckungstour, schiebt seinen Kinderwagen unnachgiebig durch die lose Menge, ich stolpere über Füße und abgestellte Tüten mit Sektflaschen hinterher. Die beiden Größeren stehen vorn am Bühnenrand und schauen den lokalen Sternchen zu, wie sie professionell kitschige Neujahrslieder singen. Ist das nun live oder nicht? Auf jeden Fall sind es dieselben Interpreten wie letztes Mal. Der eine trägt wieder seine Jacke lässig offen.

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Man beachte den weißen Typ im Hintergrund.

Babuschka, die Cousine und der Onkel ziehen sich auf eine Bank zurück und stoßen im Schutz der angrenzenden Bäume an. Babuschka ist gut gerüstet. Aus ihrem Jena-Stoffbeutel zieht sie Plastebecher, den in einer Wasserflasche abgefüllten Wein, selbstgemacht, und die früh gebrutzelten Buletten. Prösterchen! (Landeskundliche Zusatzinfo 2: Der Alkohol wird entweder mit einer anderen Flüssigkeit nachgespült oder/und mit etwas Herzhaften und manchmal etwas Süßem „nachgegessen“. Traditionell gibt es dazu lange Trinksprüche. Wenn man nicht so viel Zeit oder großen Durst hat, darf man den Becherinhalt aber auch einfach mal runterkippen. Kein unanständiges Nippen am Getränk wie in Deutschland! Es wird bitteschön alles auf einmal ausgetrunken!) Drei Frauen mittleren Alters setzen sich zu uns und packen ihre Handtaschen auf die Bank. In eine haben sie eine Flasche russischen Champagners hineingequetscht. Dem Jüngsten bieten sie in tantenhafter Manier eine sogenannte „Konfetka“ an: eine in hübsches Papier eingewickelte Schokoladenvariation, mal mit Nuss, mit Waffel, mit Karamell oder die Kinderausgabe als Lutschbonbon. Der Jüngste darf natürlich nicht. Wenn man das auf Russisch so sagt, denken alle, er hat eine Allergie. Die Tanten nicken deshalb verständnisvoll und reichen die Konfetka gleich an den Ältesten weiter, der interessiert hinzutritt. Der darf auch nicht, ist aber nach russischem Verständnis zu alt für eine Allergie, die geht nur bis etwa drei Jahre. Die Konfetka wird uns trotz unserer höflich ablehnenden Haltung hartnäckig in die Hand gedrückt, der Älteste ist bestimmt nur schüchtern. Ich will rufen, dass wir auch keinen Fernseher zu Hause haben, lasse es aber, weil das so sektenmäßig rüberkommt.

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Eine Märchenschönheit vorm Haus der Baba Jaga. Kinder verkleiden sich in Russland zu Neujahr und tanzen um den Tannenbaum.

Nachdem der Wein ausgetrunken ist, fahren wir zur Cousine, essen Salate, Fisch, geräuchertes Huhn, Schweinrippen, Kartoffelbrei und Knobi-Wraps und warten auf Mitternacht. Die Jungs hocken vorm Fernseher im Nebenraum und gucken Trickfilme. (Landeskundliche Zusatzinfo 3: In einem russischen Durchschnittshaushalt gibt es pro Zimmer mindestens einen Fernseher.) Der älteren Generation stelle ich meine Lenin-Frage: Wie haltet ihr es mit der Sowjetunion? Der Onkel schimpft sofort auf die heutigen Preise und auf seinen niedrigen Mindestlohn als Hausmeister, der gerade für die Nebenkosten reichen würde. Die Babuschka entgegnet, dass ihr Gehalt als Kindergärtnerin auch nicht viel höher sei. Die Cousine meint, na aber dazu kommt ja noch eure Rente. Die Babuschka meint, trotzdem wäre das Leben heute viel interessanter und freier als in der Sowjetunion. Ich bin überrascht. Ich frage, was denn für sie freier sei. Sie meint, zum Beispiel kann sie auf Arbeit entscheiden, wie sie den Unterricht mit den Kindern durchführen möchte, im Sitzen, im Stehen, im Stuhlkreis. Das alles wäre zu Sowjetzeiten undenkbar gewesen, da war alles streng geregelt. Außerdem hätten ihr Sohn und ich uns damals definitiv nicht kennengelernt. Ich werfe ein, dass die andere Tante und der andere Onkel finden, dass sie zu Sowjetzeiten alles hatten: Arbeit auf der Kolchose (Onkel – Traktorfahrer) und in der Verwaltung (Tante – Buchhalterin) und ihre eigene Viehwirtschaft. Pah, winkt die Babuschka ab, die waren damals einfach jung und gesund, und jetzt sind sie alt und krank! Außerdem haben ihre beiden Söhne Arbeit, ein eigenes Haus und ein Auto! Die Enkel gehen zur Schule und eine Enkelin studiert sogar in Stavropol! Ich denke an den Putin-Magneten an Babuschkas Kühlschrank. Als hätte die Babuschka meine Gedanken gelesen, drängt sie plötzlich, auf die Zeit zu achten, damit wir Putin bei seiner Ansprache kurz vor zwölf nicht verpassen. Die Cousine holt schon mal Zettel und Stifte und da erscheint auch schon der Landesvater auf dem Bildschirm. Die Babuschka wechselt extra das Zimmer, um ihm in Ruhe zu lauschen. Die Cousine und ich überlegen derweil, welche Wünsche wir möglichst knapp auf die Zettelchen schreiben. Ich weiß, was mir bevorsteht, und mache das Papier so klein wie möglich. Zwölf Glockenschläge haben wir Zeit fürs Aufschreiben, Anzünden des Zettels, den Ascherest in das Champagnerglas Werfen und alles Austrinken… Zwölf Uhr! Die Cousine hat den Zettel zur Hälfte verbrannt fallen gelassen und muss nun das am Gaumen klebende Papier runterschlucken, damit ja alle Wünsche in Erfüllung gehen! Auch bei mir hat sich nicht alles in Asche aufgelöst. Immerhin kann man keine Schrift mehr auf dem Papierstückchen erkennen, das da noch im halbvollen Glas rumschwimmt. Komisch, haben wir in keinem der Jahre zuvor gemacht. Wie gut, dass mich meine Studierenden bereits über diesen Brauch aufgeklärt hatten.

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Die Legende lebt – Lenin macht sich auch gut als Hipster, um für Kaffee zu werben.

Schnell auf die Straße, meine Aufregung ist verflogen. Wunderkerzen für die großen Kinder. Der Teenagersohn der Cousine zündet Knaller und Raketen. Wir stehen in respektvoller Entfernung. Rauch und Nebel vermischen sich, Matsch klebt an unseren Füßen. Dann die Kinder ins Auto gepackt. Babuschka lassen wir hier, sie feiert weiter. Wir fahren an der Ulitsa Krupskoj vorbei und ich denke noch kurz, dass es ja immerhin Lenins Frau geschafft hat, dass in Zelek eine Straße nach einer weiblichen Person benannt wurde. (Landeskundliche Zusatzinfo 4: Laut Wikipedia tragen immer noch über 40 Straßen in Russland den Namen von Nadezhda Krupskaja, Revolutionärin, Pädagogin und Ehefrau Lenins. Zelenokumsk haben sie auf der Liste aber vergessen.)

Die Kinder ins Bett gesteckt, die fragen gar nicht nach Ded Moroz, ach ja, Mist, die Geschenke müssen noch schnell untern „Oh Tchandebau“ (einer der wenigen deutschen Ausdrücke des Mittleren), fertig! Ich bin wirklich sehr müde… Lenin bietet mir noch einen Kaffee an, ich winke ab. Seine Frau Nadezhda fragt mich drohend, weshalb unsere Kinder nie bei Neujahrstänzen oder Gruppenspielen mitmachen. Ich blicke entschuldigend auf Putin. Der zündet gerade seine Rentenreform an, lässt sie in sein Milchglas fallen und trinkt alles auf ex aus. Die Milch, denke ich, hat doch der kranke Lenin eigentlich den Kindern gegeben anstatt sie selbst zu trinken. Das weiß ich ganz genau, das hatte uns nämlich damals… unsre… Kindergääähhhrt….nerin erzählt…

Die Rätselfrage zum Schluss für alle, die noch munter sind:

Was ist ein „vsryv-paket“ (auf Deutsch in etwa: „Sprengtüte)?

a)       Eine abwertende Bezeichnung für eine dumme Person (Knalltüte).

b)      Eine Kotztüte für Auto, Flugzeug oder heftiges Feiern.

c)       Ein selbstgebauter Knaller, der sich besonders in den 90er Jahren unter Jugendlichen großer Beliebtheit erfreute.

d)      Eine Person, die zu Silvester zu viel getrunken hat und deren Mageninhalt deshalb „explodiert“.

Die richtige Antwort ist c).

Ein Relikt aus der Jugend des Ehemannes. Bestehend aus kleingeriebenem Metall, Manganchlorid und Schießpulver. Heute baut das keiner mehr. Wir wissen ja, die Jugendlichen hängen nur im Telefon rum… Nur manchmal treffen sich junggebliebene Männer um Neujahr herum und beschwören alte Zeiten, indem sie vzryv-pakety heimlich nachbauen.

PS: Wer gern mehr über den russischen Jahreswechsel und das orthodoxe Weihnachten erfahren möchte, klicke sich hier zum Beitrag vom letzten Jahr: Russische Feiertage: Neujahr und Weihnachten

 

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5 Gedanken zu „Feiern mit Lenin

  1. Wir wünschen euch 5 alles Liebe und Gute für das neue Jahr. Auf dass wir uns in diesem Jahr öfter sehen 🙂 Viele liebe Grüße aus dem herbstlich wirkenden Jena von euren lieben Nachbarn.

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