Das Babuschka-Phänomen

Da steht sie wieder in der Tür. Ihre laute Stimme hallt durch unseren langen Flur: „Priiiiivet! Kommt schnell her, Kinder, eure Babuschka begrüßen! Und dann schauen wir, was sie alles mitgebracht hat!“ Neben ihr thront eine riesige karierte Tasche aus robustem Kunststoff. Die Kinder rennen zur Wohnungstür, lassen sich abknutschen und ziehen an der Tasche, die keiner von uns auch nur annähernd anheben kann.

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Babuschka schält sich aus ihren Winterstiefeln, legt Mütze und Mantel ab und kommandiert uns ins Wohnzimmer. Alle schieben mit vereinten Kräften die Tasche in die gute Stube. Halt, der „Chalat“ muss vorher noch angezogen werden. Das ist die Uniform für die Hausfrau. Ein Ganzkörperschürzenkleid sozusagen, allerdings nur bis kurz übers Knie. Und mit Reißverschluss in der Mitte. Nun aber los! Die Tasche wird langsam geöffnet. Der Ehemann steht mit tiefen Stirnfalten daneben und blickt leidend auf das quaderförmige Ungeheuer, das sein Maul immer weiter aufreißt. Die ersten Objekte werden hervorgezaubert: ein Stapel Eierkuchen, drei Beutel Piroggen, ein Topf Fleischklößchen. Die Kinder jauchzen und tragen die Sachen vorsichtig balancierend in die Küche. Ich eile hinterher. Dann folgen Butter, getrockneter Zwieback und mehrere Laibe Weißbrot. Der Ehemann stöhnt. „Ma, das isst doch keiner bei uns! Der Schrank ist noch voll vom letzten Mal…“ Das Weißbrot vom letzten Mal hat mittlerweile die Konsistenz des Zwiebacks angenommen. „Aber das ist doch das gute Brot von unserer Druzhba“, rechtfertigt sich Babuschka. „Und wieso schleppst du jedes Mal die Butter aus Zelek mit? Die gleiche kaufen wir doch hier auch!“ Der Ehemann trägt Brote und Zwieback demonstrativ in den Flur. Die Kilopackung Butter landet im Gefrierschrank.

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Nur die Babuschka kann so leckere Eierkuchen und Piroggen backen! (Im Hintergrund eingelegter Fisch – ein Traum!)

Babuschka packt ungerührt weiter aus. Je eine handliche Tüte mit Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren und Roter Beete. Daraus wird dann der Borschtsch gekocht. Mhmm! Die Kinder werden unruhig. Das Taschenmonster spuckt nun Stifte, Hefte und Bücher aus. Die Freude ist noch etwas verhalten. Endlich: Spielzeugautos und Transformer! Am Ende des Tages werden den Maschinen mindestens ein Rad und zwei Raketen fehlen. Die Kinder aber sind glücklich. Es darf noch kurz gespielt werden, bevor es an die Arbeit geht. Ich esse derweil Eierkuchen in der Küche. Aus dem Wohnzimmer dröhnt laute Musik: „Moskva“ und „Rossija“ in Endlosschleife. Die Kinder singen mit. Babuschka übertönt jedoch alle mühelos mit ihren Ansagen. Jetzt wird ausgemalt, aber keinesfalls über die Linie! Das „Nicht-so-schlimm“ des Mittleren lässt Babuschka nicht gelten. Wo kommen wir denn da hin! „Richtig!“ und „Falsch!“ peitscht es durch die Luft. Die Kinder lösen artig Rätselfragen.

Nebenbei erkundigt sich Babuschka nachdrücklich, wann wir denn endlich mit dem Großen zum Logopäden gehen. Und wann wir den Kleinen taufen lassen? Die Feinmotorik des Mittleren lasse ganz schön zu wünschen übrig. Macht denn unser Kindergarten nichts dagegen? Und der Große gehört sowieso in einen staatlichen Kindergarten, mit mehr Kindern seines Alters… Der Ehemann kommt wortlos in die Küche und stopft sich einen Eierkuchen in den Mund. Ich freue mich bereits auf das Theater und suche mir summend die Sachen zum Ausgehen aus dem Schrank. Die, bei denen man Fettflecken von Kinderhänden und -mündern nicht rauskriegt und die deshalb vom konsequenten Nichttragen immer noch wie neu aussehen. Entspannt überlege ich, wo der Ehemann und ich vorher eine Kleinigkeit essen werden. Babuschka erkläre ich, dass der Jüngste momentan nur einschläft, wenn sich einer von uns mit ihm ins Schlafzimmer legt.

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Das machen Babuschkas, wenn sie keine Enkel hüten müssen.

Am nächsten Morgen wirkt unsere Wohnung deutlich größer und heller. Ich stolpere weder über Spielzeug, noch klebt mein Hausschuh am Boden fest. Ich erkundige mich höflich, ob die Jungs gestern gut eingeschlafen sind, es ist ja nicht so einfach mit drei kleinen Kindern… Ja, Punkt acht schliefen alle. Zur Demonstration bellt Babuschka ein scharfes „Hinlegen!“ und ich ertappe mich dabei, wie ich reflexartig ihrem Kommando nachkommen will. Über vierzig Jahre Arbeit als Erzieherin verdichten sich in diesem Befehl… Wie gern würde auch ich in Zukunft die Kinder so einfach ins Bett kommandieren: Ich stehe auf einem Panzer unter dem Fenster, trage Chalat und Stahlhelm und blicke streng nach oben. Meine Stimme ist so laut wie ein Maschinengewehr. „Achtung! Einschlafen!“ Meine Kinder nehmen in ihren Paw-Patrol-Schlafanzügen eine stramme Haltung an, führen ihre Hand zum Gruß an ihre Mütze und legen sich ohne Widerspruch ins Bett. Wie echte Soldaten schlafen sie sofort ein. Ich rolle dann noch weiter, parke vor dem Zollamt und mache einen Selfie von mir und dem Wachmann auf dem Panzer. Das Bild schicke ich dem zuständigen Zollbeamten Igor, der meine Pakete letztens nicht rausrücken wollte. Das nächste Mal, schreibe ich ihm drohend, komme ich mit dem Panzer! Überrascht stelle ich fest, dass es keinen Panzer als Emoji-Symbol gibt. Ich überlege kurz, die Granate zu nehmen, entscheide mich dann aber doch für den symbolischen Reisigbesen (soll er ruhig drüber nachdenken!) und fühle mich großartig…

In der Zwischenzeit erklärt der genervte Ehemann seiner Mutter zum Hundertsten Mal, wo der Menüknopf an ihrem iPad ist. Die Jungs haben längst heimlich neue Spiele draufgeladen. Es ist nun Zeit. Babuschka zieht ihren Chalat wieder aus und packt ihre Sachen in die eingefallene karierte Tasche. Der Ehemann wirft das Weißbrot und den Zwieback mit unnachgiebiger Miene hinterher. Die Kinder winken der Babuschka fröhlich und essen die letzten Eierkuchen auf.

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Mein Chalat – ein Geschenk von Babuschka. Meine starke Abneigung gegen dieses Kleidungsstück kann sie nicht verstehen.

Am Abend stopfe ich den Jüngsten mit einer frischen Windel in seinen Schafsack. Ich versuche, ihn in seinem Gitterbettchen in eine waagerechte Position zu bringen. Er schimpft, drückt die Beine durch und zieht sich trotzig an den Stäben hoch. Da schaue ich ihn ernst an. Ich spüre den Stahlhelm auf meinem Kopf und wie von selbst ruft Babuschka aus mir: „Hinlegen!“. Er blickt mich mit großen Augen an und wird plötzlich ganz ruhig. Leise lächelnd gehe ich zur Tür. Stille. Ich schiebe mich vorsichtige aus dem Zimmer. Gerade will ich dem erstaunten Ehemann meinen Helm geben, da brüllt es markerschütternd aus dem Schlafzimmer. Seufzend gehe ich zurück. Muss mich wohl doch mit hinlegen.


Nach langer Pause wieder die beliebte Rätselfrage zum Schluss:

Was ist eine „Viktorina“? (Betonung auf dem zweiten „i“)

a) Ein populäres Spiel in Quiz-Form mit Wissensfragen aus verschiedenen Bereichen.

b) Die scherzhafte Bezeichnung für den weiblichen Hausmantel (Chalat) in Anlehnung an die Unterwäschemarke Victoria´s Secret.

c) Die umgangssprachliche Bezeichnung für einen russischen Panzer, von lat. victor (der Sieger).

d) Der Name einer der Kolchosen in Zelenokumsk (Zelek).

Die richtige Antwort lautet a). Viktorina ist als kleiner Quiz-Wettbewerb besonders beliebt in Kindergarten und Schule. Auch deshalb, weil sich damit so schön Faktenwissen überprüfen lässt. Die russische Bezeichnung stammt aus den 1920er Jahren und ist tatsächlich von dem Vornamen Viktor abgeleitet. Viktor war einer der Mitarbeiter der bekannten Wochenzeitschrift Ogonjok, in der Rätsel- und Quizfragen zum ersten Mal in dieser Form erschienen sind. Und falls es jemanden interessiert: Rodina (Heimat), Druzhba (Freundschaft), Pobeda (Sieg) und Jantar` (Bernstein) sind landwirtschaftliche Unternehmen in Zelenokumsk, im Volksmund übrigens nicht ohne Grund immer noch Kolchosen genannt.

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8 Gedanken zu „Das Babuschka-Phänomen

    1. Liebe Ewa, hier scheint sich eine Marktlücke aufzutun! Du bist nicht die einzige, der der Chalat gefällt. Vielleicht sollte ich doch damit handeln. Oder meine eigene Kollektion herausgeben. Eierkuchen- oder Reisigbesenmotive, nicht zu vergessen das emanzipierte Camouflage… Bin schon überzeugt!;-)

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  1. Deine Art, die Dinge darzustellen, gefällt mir. Über den Alltag in Russland ist in unseren Medien wenig zu erfahren. Wenn etwas zu erfahren ist, dann hat es den Zweck, die Haare in der Suppe zu finden. Wertfrei Darstellungen sind kaum zu finden. Ich habe Russland mehrmals besucht. Ersmals 1959 bin ich im Maiumzug mitgelaufen, Gagarin stand auf der Tribüne. Ich habe mit Interresse deine Darstellung des Feiertags viele Jahrzehnte später gelesen. Ich hoffe, du schreibst weiter!? Vor einigen Jahren habe ich mit einer Reisegruppe mit der Transib eine Fahrt quer durch Sibirien unternommen. Alles Wessis, neugierige. Die bekamen vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Nichts stimmete mit ihren Vorstellungen von Russland und dessen Menschen, die sie aus den Medien hatten, überein …

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    1. Vielen Dank für den netten Kommentar!
      Ich freue mich auch, dass es für die Leser in Deutschland spannend ist, etwas mehr über das alltägliche Leben in Russland zu erfahren. Für mich wiederum ist es spannend, etwas aus den Augen von deutschen Besuchern über die Zeit vor 2000 zu erfahren, da ich das Russland des späten 20. Jahrhunderts persönlich gar nicht kenne. Ja und Gagarin noch gesehen zu haben, ist natürlich toll!
      Herzliche Grüße!

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      1. Hat man Gagarin noch gesehen zur Maidemonstration, ist man doppelt so alt wie du jetzt. Vieles hat sich im Übergang von Sowjetunion zu Russland verändert, neue Generationen sind nachgewachsen. Beim 1. Besuch 1959 war der Krieg noch nicht vergessen. Überall sah man Kriegsversehrte und der Hass auf alles Deutsche war auch noch nicht abgeklungen. Mich interessiert ganz besonders, wie die Menschen heute leben und denken. Ich dachte immer, ich kenne mich halbwegs aus, aber als wir vom Flughafen Moskau in die Innenstadt fuhren, war ich doch verblüfft, als ich Kaufland, Medimax, Globus u.v.a. lesen konnte. In Irkutsk war das nicht anders. In einer Nacht am Lagerfeuer bei Tee und Wodka, Speck und Zwiebeln auf einer Insel im Baikalsee war auch viel über die russische Seele zu erfahren. Zumindest wir wenigen Ossis konnten beim Gesang mit „Herrlicher Baikal …“ u.a. Liedern mithalten. Ich bin gespannt auf deine weiteren Beiträge auf deinem Blog. Auf meiner Web-Seite (links unten auf der Startseite!!!) führe ich seit Jahren auch einen Blog. In den nächsten Wochen ergänze ich ihn um einige Beiträge zu „30 Jahre Wende“ im Bereich Schule und Bildung. Da es um Thüringen geht und es deine Zeit des Erwachsenwerdens und der Ausbildung war, werden dich andere Sichten als in den Medien, die stark von lauten Wutbürgern geprägt waren, interessieren. Deutschunterricht stand 45 Jahre im Mittelpunkt meiner Tätigkeit, auch in Jena. Ich bin aus Bad Köstritz!

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      2. Oh, da bin ich sehr gespannt! Ich werde in den nächsten Tagen ein bisschen in Ihrem Blog schnuppern. Freut mich auch, dass wir uns als quasi Nachbarn im Netz gefunden haben. Herzliche Grüße!

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      3. In meinem Blog gibt es zwar einige Texte zu z.T. kuriosen Erlebnissen zur DDR Zeit. Aber nun habe ich angefangen, meine Erlebnisse, Eindrücke, Kommentare zu 30 jahre Wende aufzuschreiben. Da wundert man sich, was man glaubte schon vergessen zu haben. Auf dem Computer ist es immer mehr geworden und ich muss in mehrere Beiträge teilen. Gar nicht so einfach, auch noch Fotos zu finden, die die ganze Sache veranschaulichen. Heute stand die Sonne den ganzen Tag am Himmel bei +1°C; morgen wird wieder richtiges Sauwetter!
        Gruß!

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