Lebende Unterschriften. Ein Drama in sechs Nachrichten

Geschichten, die das Leben schreibt, findet man heutzutage hauptsächlich in den eigenen WhatsApp-Sprachnachrichten. In diesem Beitrag habe ich eine exklusive Auswahl für die geneigte Leserschaft transkribiert. Es geht um Rap, Kriminalität und Kosmetik, aber natürlich auch um Geld. Tagegeld.

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Nachricht 1, Montag, 15.10.2018              10:05 Uhr

Hallo, Tabea, ich bin´s. Bin von meiner Dienstreise zurück und muss noch schnell mein Tagegeld abholen. Ja, das ist natürlich ein Witz, nicht mal 1,50 Euro pro Tag, aber man hat mir von Anfang an erklärt, dass ich noch mehr Unterschriften brauche, wenn ich das Geld nicht will. Also gehe ich wieder auf Unterschriftenjagd. Das letzte Mal hab ich übrigens drei Tage gebraucht… Du, normalerweise läuft das so: Du gehst da hin, zeigst deine Tickets und die Dienstreisegenehmigung, das Mädel von der Buchhaltung macht irgendwas am Computer und du bekommst eine Liste mit Namen drauf. Von den Leuten brauchst du dann eine Unterschrift. Du gehst da also hin, hoffst, dass sie da sind und die Schlange vor ihren Büros erträglich ist. Immer schön an die Reihenfolge halten, die wichtigen zum Schluss. Bei der wichtigsten Person hinterlegst du das Dokument im Vorzimmer und holst es am nächsten Tag unterschrieben ab. – Oh, warte mal, ich bin grad in der Buchhaltung angekommen. Ach du Sch…, vor mir stehen ungefähr 15 Leute! Wenn die im Schnitt 15 Minuten brauchen wie ich… Und das ist noch optimistisch gerechnet. Ich glaub, ich geh wieder. Hab dann eh noch Unterricht. – Was wollt ich sagen? Genau, am Anfang dachte ich noch, jetzt bin ich fertig, fix mit der Unterschriftenliste zurück zu den Buchhaltungsmädels. Hatte sogar Glück, nur zwei Leute vor mir. Die Mädels sind übrigens immer voll ernst. Aber nein, jetzt ich musste von Hand ein Formular ausfüllen und dann wieder neue Unterschriften holen. Beim Chefbuchhalter bin ich deshalb immer mindestens zweimal. Der sieht echt aus wie ausm Film. Alter Mitte/Ende vierzig, randlose Brille, wenig blondes Haar, ein Muttermal mitten im Gesicht, korrekt gekleidet, aber ein paar Kilo zuviel, Typ großer Junge. Immer beschäftigt an seinem Schreibtisch. Wortkarg. Eigentlich hat er noch nie was gesagt. Ich find es ja megaunangenehm, wegen so ner blöden Unterschrift ständig zu klopfen und mich untertänigst in dieses Büro zu schieben. Auf der anderen Seite denk ich, das muss ihn ja auch zu Tode nerven, wenn alle fünf Minuten jemand reinkommt und er dann fließbandmäßig irgendwelche Papiere unterschreibt. Bestimmt hat er Mordphantasien. So mit dem Kugelschreiber – zack! – dem frechen Eindringling mitten ins Herz. Die Blutspritzer schnell von der Brille gewischt und dann wieder den Blick schön konzentriert auf den Computer gerichtet. Der nächste, der reinkommt, wird es sich schon zweimal überlegen, ob er über die Leiche am Boden steigt, um sich eine Unterschrift zu erbitten…

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Hier sitzt die Buchhaltung der Universität

Nachricht 2, Montag, 15.10.2018              15:45 Uhr

Sorry, wurde vorhin unterbrochen. Mit Unterrichten bin ich für heute durch, ich probier es jetzt noch mal in der Buchhaltung. Wo war ich stehengeblieben? Also, wenn du dann alle Unterschriften von der zweiten Liste hast, gehst du wieder zu den Buchhaltungsmädels, wartest schön in der Schlange und bekommst dann irgendwann ein Papier für die Kasse. Nachdem du wieder angestanden hast, bekommst du dann unter Vorlage deines Passes knapp vier Euro ausgezahlt. Oder aber die Kassenfrau hinter der Scheibe stellt fest: „Ihre Passnummer stimmt nicht mit der Nummer auf dem Auszahlungsformular überein. Sie müssen sich ein neues Dokument ausstellen lassen, gehen Sie noch mal zur Buchhaltung, die regeln das.“ Spätestens jetzt habe ICH Mordphantasien! Ich weiß, man traut mir das nicht zu, aber: Ich habe mich aufgelehnt! Ja! Ich habe gaaanz vorsichtig gesagt: „Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe doch das letzte Mal auch schon Geld unter dieser Nummer bekommen.“ Mein Hals war voll trocken, meine Stimme hat gezittert. Aber die Aussicht, zurückzugehen und mich wieder in die Schlange einzureihen, hat mir plötzlich ungeahnten Mut verliehen. Ich bin also einfach stehengeblieben und habe mich gegen die Scheibe gelehnt und geflüstert: „Ich kann nicht mehr. Ich kann wirklich nicht mehr. Wegen drei Euro achtundachtzig drei Tage lang Unterschriften zu jagen. Ich gehe nicht zurück.“ Für einen Moment fühlte sich auch meine Brille randlos an und ich hatte von irgendwoher einen Kugelschreiber in der Hand. Und weißt du, was dann passiert ist? Die Frau hat ganz schnell ihren Blick gesenkt und mir schweigend Pass und die 300 Rubel durch das Ausgabeloch geschoben… Krass oder? – Alter, hier stehen immer noch so viele Leute! Das schaffen die doch niemals bis 17 Uhr! Ich geh morgen ganz früh noch mal. Hoffe, dir geht´s gut. Sorry, dass ich grad so viel von mir erzähle. Aber du siehst, ich bin echt genervt.

Nachricht 3, Dienstag, 16.10.2018            9:05 Uhr

Hi Tabea, ich bin´s wieder. Heute wollt ich ganz schlau sein und war schon 8:30 Uhr da, obwohl sie erst um 9 Uhr aufmachen. Denkste, es standen schon fünf Männer rum, die waren seit acht Uhr da und hielten außerdem die Plätze frei für ihre zwanzig Kollegen, die noch frühstücken. Dabei hab ich jetzt rausgefunden, warum die Schlangen länger sind als sonst; zwei der drei Buchhaltungsmädels sind in Mutterschutz. Die Männer sind übrigens die Fahrer der Uni, die kennen die Mädels beim Namen. Sind offensichtlich vor und nach jeder Fahrt in der Buchhaltung. Jetzt ist es schon zehn nach neun und die Bürotür ist immer noch zu. Ich glaub, das wird nix mehr vor meinem Unterricht. Aber ich habe ne andere Idee.

Nachricht 4, Mittwoch, 17.10.2018          12:07 Uhr

Guten Morgen, liebe Tabea. Gestern wollte ich eine bürokratische Revolution starten. Ich bin nämlich zu unserem Institutsdirektor. Der ist so ein ruhiger Typ, irgendwie sympathisch. Hab ihn auch schon lächeln gesehen. Und ich dachte mir, ich nutze jetzt auch mal meine Beziehungen. Immerhin kennt mich hier. Und Sergej Iwanowitsch hat doch Macht! Und außerdem brauch ich ja auch jedes Mal seine Unterschrift. Ich also zu ihm: „Sergej Iwanowitsch, gibt es denn gar keine Möglichkeit, auf die Tagegelder zu verzichten? Das ist doch so eine Zeitverschwendung!“ Sergej Iwanowitsch nickt verständnisvoll und meint: „Aber das ist doch eine gute Sache, und außerdem ist es gesetzlich festgelegt.“ Vor meinem geistigen Auge erscheint sofort die letzte Institutsratssitzung. Man muss dazu wissen, dass dort alle Entscheidungen immer einstimmig getroffen werden. Bei „Gegenstimmen?“ und „Enthaltungen?“ guckt schon niemand mehr hoch, weil das einstimmige Ergebnis grad ins Protokoll geschrieben wird. Eigentlich hat man sich auch bei „Dafür?“ noch nie umgeschaut. Ich glaub, man kennt sich am Institut einfach gut. Anyway, Sergej Iwanowitsch rief dann doch seine Sekretärin, damit die „für unseren ausländischen Gast, der sich an unsere Bürokratie nicht gewöhnen kann“, telefonisch einen Termin in der Buchhaltung ausmacht. Na gut, dachte, ich, Hauptsache nicht stundenlang anstehen. Leider nahm bei dem einen Buchhaltungsmädel niemand ab… Verständnisvolles Schulterzucken, ham halt viel zu tun da. Naja, ich meld mich später bei dir.

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Korridor des Grauens. Seltener Anblick – ohne Warteschlangen

Nachricht 5, Mittwoch, 31.10.2018          22:43 Uhr

Tabea, tut mir voll leid, dass ich mich ewig nicht gemeldet habe auf deine letzte Nachricht. Nee, ich war nicht mehr in der Buchhaltung. Wenn man nicht sofort innerhalb von drei Tagen nach der Dienstreise kommt, muss man noch einen Erklärungsbrief schreiben und den dann auch noch von allen verantwortlichen Personen, also die von den Listen zuvor, unterschreiben lassen. Darauf hab ich echt keinen Bock. Ich habe jetzt eine neue Strategie: Ich mache einfach nichts. Mal gucken, was weiter passiert. Meine Theorie ist ja: Bis Ende des Jahres passiert sowieso nix. Und dann, wenn das Kalenderjahr abgerechnet wird, stellt jemand fest, dass im Computer ja immer noch mein Tagegeldposten offen ist! Und dann wird nach mir telefoniert, dann werde ich gebeten, im Eiltempo zu kommen, genieße eine Vorzugsbehandlung, damit schnell-schnell noch das Geld ausgezahlt werden kann. Oder aber: Es wird überhaupt nichts passieren. Das ist nicht gänzlich unwahrscheinlich. Denn keiner hat es je gewagt, seine Tagegelder nicht abzuholen! Vielleicht gibt es ja doch ein Schlupfloch im System. Nur weil es noch nie jemand ausprobiert hat, weiß eben keiner davon! Und ich, ich werde die erste sein! Die erste, die sich dem System erfolgreich entgegengestellt! Mir werden Tausende folgen! „Die Frau, dich sich dem Tagegeld verweigert.“ Ich werde durch Russland reisen, Vorträge halten, Motivationsseminare geben und meinen eigenen youtube-Kanal eröffnen. Wenn ich drei Millionen Follower habe, lädt man mich zu Juri Dud` ein, wo ich von meiner Affäre mit einem fünfzehn Jahre jüngeren Nachwuchsrapper erzähle. Ich werde meine Arbeit an der Universität beenden und stattdessen für Kugelschreiber von Erich Krause werben. (Eine Szene könnte dabei ja an der Uni vor der Kasse spielen… Ich glaub, das wird ein cooler Clip. Am besten zusammen mit dem Rapper. Könnte man anschließend als eigenen Track veröffentlichen.) Ja, Tabea, ich werde außerdem anfangen, mich zu schminken und bringe meine eigene Kosmetiklinie heraus. „Sutotschnye“ würde dann mein Parfum heißen. So in Anlehnung an Sumatra Rain. Oder weiblicher – „Bjuro Katija“. Und ich würde meine Biographie schreiben, Titel: „Es reicht. Mein Leben ohne Tagegeld“. Hast du vielleicht noch ne Idee für den deutschen Markt? Ich müsste da irgendwie eher das Politische betonen. Ein russischer Gefängnisaufenthalt wär nicht schlecht. Das wär dann mein unique selling point. Man sollte mich aber lieber erst verhaften, nachdem ich berühmt bin, sonst kriegt das ja keiner mit und mit dem Parfum wird das auch nix. Naja, vorher würde es sich ja auch bestimmt nicht lohnen. Könnte höchstens sein, dass mein Visum im Sommer nicht verlängert wird. Mhm… Das wär ziemlich blöd… Also vielleicht… vielleicht sollte ich das doch nicht so an die große Glocke hängen, also ich meine, dass ich das Tagegeld nicht abgeholt habe. Oder was meinst du?

Nachricht 6, Mittwoch 28.11.2018           20:17 Uhr

Liebste Tabea, ich wollte dich doch auf dem Laufenden halten. Pass auf: Ich habe jetzt rausgekriegt, wie das meine Kolleginnen machen. Sie fahren einfach nicht auf Dienstreise! Für mich ist das jetzt nicht so die Option. Aber man hat mir einen Tipp gegeben: Ich soll doch einfach Urlaub beantragen. Das ist nur EIN Antrag mit popeligen zwei Unterschriften, plus natürlich die von der Zentralen Stundenplanverwaltung abgesegnete Verlegung des Unterrichts, ach ja nicht vergessen – vorher noch die Unterschrift aus der Unterrichtsabteilung holen – , aber das ist auch nur EIN weiteres Formular. Und danach, stell dir vor: NIX! Wie geil ist das denn?! Ja gut, der Urlaub ist dann unbezahlt und den Unterricht muss man trotzdem nachholen, aber dafür: Frei-heit!!! Dass ich da nicht schon früher draufgekommen bin! Jetzt muss ich beim Chefbuchhalter nicht mehr um mein Leben fürchten. Und schminken brauch ich mich nun auch nicht. Und ehrlich, das mit dem Gefängnis wär jetzt nicht so meins gewesen. Höchstens für die internationale Rapkarriere. Aber du hast schon Recht, jeder sollte das machen, was er gut kann. Dann schreib ich halt ne Biographie über Erich Krause… Mach´s gut, bis die Tage!

Anmerkungen:

Lebende Unterschrift (zhivaja podpis´) ist eine andere Bezeichnung für „Originalunterschrift“ im Gegensatz zu einer elektronischen oder maschinellen. Im Wesentlichen geht es darum, die Menschen fühlen zu lassen, dass sie ein entscheidender Teil des Systems sind. Sowohl die Unterschriftenjäger, die immer ganz nah an den Autoritäten sind (zumindest bis zu einer bestimmten Hierarchiestufe, dann müssen sie sich mit der Vorzimmerdame zufriedengeben, aber die strahlt ja häufig auch gern Macht aus). Als auch die Unterschriftengeber, die tagtäglich sehen, wie wichtig ihre Arbeit, also ihre Unterschrift, ist. Der zwischenmenschliche Kontakt innerhalb des bürokratischen Systems kann somit zu einer Stabilisierung der Ordnung innerhalb des universitären Apparats führen: Man ist nicht allein, den anderen geht es auch so und man kennt sich. Problematisch wird es scheinbar nur dann, wenn ein systemfremdes Element aus rein egoistischen Gründen altbewährte Prozessabläufe hinterfragt.

Juri Dud´ ist mit seinem youtube-Kanal „vdud´“ die aktuelle Lieblingssendung der Autorin. Dud´ führt mit Rappern, Schauspielern, Komikern und Bloggern Interviews über deren Leben und Werke und spricht mit ihnen offen über das heutige Russland und was die junge Generation so umtreibt.

Erich Krause ist eine russische Marke von Schreibwarenartikeln. Der deutschklingende Name verspricht wohl Qualität und Seriosität. Kennt man allerdings nur in Russland. Die Marke ist nach dem deutschen Maler Erich Krause (1886-1954) benannt; der Arme hat jedoch noch nicht mal einen eigenen Wikipedia-Artikel.

Sutotschnye ist das russische Wort für Tagegeld.

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