Sonntagsspaziergang. Unpolitisch

Es ist heiß in der Sonne, doch der Schatten überzieht meine nackten Arme sofort mit Gänsehaut. Ich weiß nicht so richtig, wohin. Die Putzfrau mit dem blaugrauen Wischlappen scheint merkwürdig unberührt von derartigen existenzialistischen Fragen. Dabei passt sie so gar nicht zu den sterilen Neubauten der ebenfalls neu gestalteten Fußgängerzone. Sie wischt die Gehwegsplatten tatsächlich mit ihrem Schrubber aus Sowjetzeiten: einem Holzbalken an einem Holzstab, mit einem Lappen umwickelt.

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Ich bin jedoch die einzige, die sich wundert. Die sonntäglichen Spaziergängerinnen jeden Alters fotografieren sich in geübter Pose und mit strahlendem Lächeln vor dem stufenförmig angelegten Springbrunnen. Mir fällt wieder der Barbesitzer ein, den ich hier mal jonglierend fotografiert hatte und dessen Frage, wo ich das dann hochladen würde, ich nicht gleich verstand. Trotz der vielen Leute wirkt die Fußgängerzone eigenartig unbelebt.

Ich bin froh, am Jermolov-Boulevard anzukommen, einer kühlen Allee mitten im Zentrum. Aber auch hier suche ich den Herbstgeruch vergeblich. Die Kastanienbäume haben bereits kaum noch Blätter. Auf dem Boden finde ich keine Kastanien mehr. Die Kinder drängen zu dem neuen Spielplatz in der Nähe. Der ist immerhin pünktlich zum Stadtfest in zwei Wochen fertig geworden; und schon jetzt völlig überfüllt. Ich stehe abwesend herum und versuche, etwas Interessantes in meinem Telefon zu finden. Es blendet, und ich ärgere mich in dem Moment, dass ich nicht auf instagram bin, um wenigstens Teil von irgendetwas zu sein. Die Bänke im Schatten sind alle besetzt. Ich schwitze. Mit dem Versprechen auf die alten Kanonen zum Draufklettern kann ich die Kinder zum Weitergehen bewegen. Sie flitzen mit ihren Rollern vorneweg in Richtung des Hauptplatzes. Plötzlich halten sie an und staunen. Ich höre zunächst nur ein durchdringendes Surren. Dann sehe ich etwas durch die Luft schweben. Ein kleines ferngesteuertes Flugzeug steigt vor unseren Augen wie in einem Fahrstuhl etagenweise nach oben. Na gut, denke ich, ruhiger als auf dem Spielplatz, und setze mich auf einen Stein.

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Jermolov-Boulevard

Ich bin bereits auf ein Gespräch mit dem Flugzeugführer über aufgeweckte Kinder und technische Spielzeuge eingestellt. Der Mann in seinen Vierzigern hält einen riesigen Steuerkasten in seinen Händen. Ein zweiter Mann steht ernst daneben. Sie starren konzentriert auf den Kasten und reden leise miteinander. Die Kommentare der Kinder bleiben ohne Antwort. Dann eben nicht, denke ich. Das Flugzeug ist inzwischen am Himmel verschwunden. Doch nein! – Ganz weit oben am anderen Ende des Platzes, direkt neben dem Soldatendenkmal steht es als winziger Punkt in der Luft. Ich zeige mit dem Finger in die Richtung, damit die Kinder es auch sehen. Beeindruckend, wie weit und hoch das Flugzeug fliegen kann! Der kleine Punkt kreist noch eine Weile in der Ferne über einer Menschengruppe und kehrt dann zu uns zurück. Die Kinder würden das Fluggerät gern etwas genauer betrachten, aber der Mann packt es zusammen mit der Steuerung in einen großen silbernen Koffer. Der Mann trägt rote Turnschuhe und einen schwarzen Kapuzenpullover. Er gibt den Koffer dem anderen Mann. Der andere trägt eine Sonnenbrille und ein kurzärmliges Hemd, das über seinem Bauch in der Jeanshose feststeckt. Die beiden drücken einander kurz die Hand und verlassen den Platz in verschiedene Richtungen. Die Kinder sind enttäuscht, wollen nun anstatt auf die Kanonen lieber auf den Soldaten klettern. Wir gehen also zum Soldaten. Dort hält sich eine Reisegruppe von vielleicht fünfzig Personen auf, die von hinten wie eine Ansammlung dichtgedrängter Pinguine wirkt. Irgendjemand ruft irgendetwas. Die Kinder wollen wieder zum Spielplatz. Ich finde einen Sitzplatz im Schatten mit Blick auf den Soldaten. Direkt hinter der Reisegruppe steht eine andere kleine Gruppe von Männern mittleren Alters. Alle tragen ihr Hemd in der Hose, manche haben spitze schwarze Schuhe. Diese Schuhe gibt es also doch noch, denke ich. Hier ein Autoschlüssel, da ein Notizbuch in der Hand. Mehrere telefonieren geschäftig. Ab und zu löst sich einer von ihnen, nähert sich einer anderen Person auf dem Platz, geht mit ihr weg und ist kurze Zeit später wieder allein da. Ich bin zu weit entfernt, um Gesichter zu erkennen.

Ich denke darüber nach, wie sehr sich der Kleidungsstil der Männer in den letzten zehn Jahren gewandelt hat. Eine Zeitlang hatte ich mir in Jena einen Spaß daraus gemacht, russische junge Männer, die sich sichtliche Mühe gaben, ihre Herkunft zu verschleiern, auf ihr Heimatland anzusprechen. Keine schwarze Lederjacke? Turnschuhe statt spitz zulaufender Lederschuhe zum Reinschlüpfen? Mich konnten sie nicht täuschen. Mit ausgestrecktem Zeigefinger ging ich auf sie zu und sagte anklagend: „Du kommst doch aus Russland oder?!“ – „Ja aber, woher weißt du das?“ fragten die jungen Männer stets verzweifelt. „Das habe ich an deiner Plastetüte erkannt“, erklärte ich und freute mich jedes Mal diebisch. Ich glaube, das war meine Rache dafür, dass ich mit meinem legeren und weniger weiblichen Kleidungsstil in Russland häufig Unverständnis hervorgerufen hatte. „Warum trägst du denn eigentlich keine Stretchjeans?“ Diese Frage ist bei mir hängengeblieben. Vermutlich wegen der schönen Aussprache des Wortes „obtjagivajushchie“, was enganliegend bedeutet. Ap-tjaaaaagiwajuschtschije. Ich stelle mir dabei immer ein in durchsichtige Frischhaltefolie gewickeltes Bein vor. So ähnlich wie die Koffer am Flughafen, die man für ein paar Rubel mit Schutzfolie umwickeln lassen kann. Schön straff. Koffer, Rucksack… Ach ja, mittlerweile falle ich an der Uni in Stavropol nicht mal mit meinem Rucksack auf. Die Absatzschuhe hielt ich auch nur den ersten Monat durch und trage nun wieder Turnschuhe. Falls ich deshalb doch einmal mit einer Studentin verwechselt werde, hebt das ja eher meine Stimmung.

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Schwarze Lederjacken sind übrigens momentan bei jungen Frauen Mode, fällt mir noch ein, als ein Teenager in Skaterhose auf einem Fahrrad an mir vorbeifährt. Er drehte schon eine ganze Weile seine Runden auf dem Platz. Auf seinem Gepäckträger hat er eine kleine Russlandfahne angebracht und der Rahmen ist bunt beklebt. Plötzlich hält ihn einer der Männer im Hemd an. Der Mann spielt mit einem Schlüssel in seiner Hand. Ich verstehe nicht, was der Mann sagt, er zeigt auf das Rad und spricht kaum hörbar, aber die Leute auf der Bank neben mir antworten etwas, und der Junge mit dunklem Lockenkopf fährt weiter. Ich schaue dem Jungen nach, der unbeirrt seine Runden fährt.

Die Stadtführung ist wohl zu Ende, die Gruppe zerstreut sich langsam. Die Männer im Hemd mischen sich unter die Nachhausgehenden und begleiten einzelne von ihnen. Wir gehen auch nach Hause. Neben uns fährt ein Kinderwagen. „Hot mom“ steht darauf. Ich wundere mich nicht mehr. Dafür tauchen von irgendwoher in meinem Kopf Sprechgesänge auf. Rassijabudjetswabodna, Rassijabudjetswabodna, My-etawlast, My-etawlast.  Ein komischer Geschmack breitet sich in meinem Mund aus. Irgendwie fühle ich mich heute fremd und traurig.

Anmerkung statt Rätselfrage:

Der Sonntagsspaziergang trug sich am 9. September 2018 zu. Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny hatte aufgrund der angekündigten Rentenreform, die noch immer in weiten Teilen der Bevölkerung für Unmut sorgt, zu landesweiten Protesten aufgerufen. In Stavropol, wie auch in Krasnodar, waren die Organisatoren von Nawalnys Stab wenige Tage zuvor verhaftet worden und saßen zwischen fünf und zehn Tagen Arrest ab. Die Kundgebung auf einem der zentralen Plätze wurde von den Behörden in Stavropol überraschenderweise genehmigt. (Losungen der Demonstranten waren unter anderem: „Russland wird frei“ und „Wir sind die Macht.“) Die offiziellen Medien schweigen jedoch überwiegend zu derartigen Kundgebungen. Auch während der Präsidentschaftswahlen hatte es bereits kleine Protestversammlungen („Er ist nicht unser Zar“) gegeben. TeilnehmerInnen berichteten von einer Atmosphäre der Angst und Einschüchterungsversuchen seitens nichtuniformierter Personen.

 

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4 Gedanken zu „Sonntagsspaziergang. Unpolitisch

  1. In meinem Kopf sammelt sich eine Menge von Assoziationen dazu:
    * Zitat des Präsidenten: „Es ist ja bekannt, dass Spionage – wie auch die Prostitution -einer der wichtigsten Berufe der Welt ist.“
    * Auch weiterhin können Mitarbeitende der Sicherheitsdienste nach 20 Jahren wertvoller Tätigkeit in den verdienten Ruhestand gehen.
    * Schaut man sich Videos aus dem Herbst’89 in der DDR an, sieht man auch diese auffällig unauffälligen Typen, die da in den Innenstädten auf der Straße rumhängen.
    * Schewtschuks Lied „В гостях у генерала“ hat einen so ähnlichen beschreibenden Stil.
    Danke für einen spannenden Text.

    Gefällt 1 Person

    1. Tobi, danke für dein Brainstorming. Und den Hinweis auf Schewtschuks Lied. Tatsächlich erinnert die heutige doppelte Realität (das Leben der Menschen, die Propaganda von oben) im Hinblick auf die Schizophrenie des Systems an die Sowjetunion oder an die DDR.

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