Auf der anderen Seite des Kaukasus – Urlaub in Georgien

Nach einem Sommer in Russland und in Deutschland ist es für uns nun Zeit, uns den Kaukasus drei Wochen lang von seiner Südseite anzuschauen. Wir machen uns also auf nach Georgien, dem unbekannten Nachbarland, um wieder ein wenig zu staunen.

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Das tun wir sogleich auf dem Weg vom Flughafen Kutaisi in die Stadt. Unser Taxifahrer demonstriert uns eindrücklich, dass die durchgezogene Mittellinie keinerlei Bedeutung hat. Durch lautstarkes Hupen signalisiert er den bedrohlich entgegenkommenden Autos, dass wir  nun erstmal überholen und der Gegenverkehr eben auf den Straßenrand auszuweichen hat. Puh… [Erkenntnis 1: So schlimm ist der Verkehr in Stavropol doch nicht!] Das nächste Mal wundere ich mich, dass ich kein alkoholfreies georgisches Bier finde. Nachdem ich aber den Wein im Wasserspender für 1 Lar (etwa 35 Cent) den Becher sehe, wundere ich mich nicht mehr. Glaube ich deshalb, deutlich mehr betrunkene ältere Männer auf den Straßen zu sehen? [Erkenntnis 2: Das georgische Bier hat genauso stylische Etiketten wie das russische.]

IMG_0923Bei einem Spaziergang durch die Stadt bleibe ich mit unseren drei Kindern lange vor einer Baustelle stehen und frage mich: Hat der Bauarbeiter da wirklich alle – äh, ja wie nennt man das überhaupt – rostfarbenen Stäbe von Hand zu Rechtecken gebogen? Immerhin braucht er dafür ungefähr eine halbe Minute pro Stück und ziemlich viel Kraft. Das Areal ist riesig und lässt erahnen, dass das zukünftige Gebäude kein Einfamilienhaus wird. Es nieselt unangenehm und ich komme mir so klein vor angesichts der Unendlichkeit von herumliegenden und bereits verbauten Metallrechtecken im Hintergrund… Was wohl der Bauarbeiter denkt, warum ich ihn fotografiere? [Erkenntnis 3: Eigentlich keine Erkenntnis. Ich bin irgendwie gerührt, dass hier offensichtlich niemand ausgerechnet hat, wie lange man so für den Bau benötigt. Oder spielt das tatsächlich keine Rolle? Ja, und wie macht man das eigentlich in Deutschland?]

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Weiter in den swanetischen Bergen bin ich nicht überrascht, überall deutsche Wanderschuhe zu sehen. Hatte ich in Deutschland auch nur kurz erwähnt, dass unser Urlaub nach Georgien geht, kannte jeder meiner Gesprächspartner mindestens eine weitere Person, die auch gerade in Georgien zum Wandern sei. Auch wir treffen uns später mit Jenaer Freunden in der Touristenhochburg Mestia. Unsere erste große Tour auf der georgischen Seite des Kaukasusgebirges führt uns durch eine kitschig-schöne Bergwelt mit blauem Enzian und bunten Schmetterlingen. [Erkenntnis 4: Wenn die charakteristischen Wehrtürme außer Sicht sind, sieht es schon ein bisschen aus wie Österreich. Nur die Schmetterlinge sind anders.]

Stolz sitzen wir auf dem Gipfelkreuz. Bis der Älteste von der wackligen Treppe der Aussichtsplattform fällt. Eine hinzugeeilte deutsche Ärztin empfiehlt uns, die schmerzende Hand lieber röntgen zu lassen. Na toll, denken wir, das kann ja was werden… Dank der guten touristischen Infrastruktur (bzw. der Leute, die sich auf den Berg fahren lassen) findet sich schnell ein Auto, dass uns sofort zum Arzt fährt. Keine fünfzehn Minuten später sind wir in einem leeren Krankenhaus und weitere fünfzehn Minuten später, geröntgt und gegipst wieder draußen. Ohne Aufnahme irgendwelcher Personalien, ohne Bezahlung. [Erkenntnis 5: Solch ein ähnliches Erlebnis hatten wir mit demselben Kind schon einmal bei einem früheren Urlaub am Schwarzen Meer in Russland. Platzwunde überm Auge, weil aus oberem Bett des Zuges gefallen; zack, raus aus Zug ins Taxi zum Krankenhaus, rein ins Behandlungszimmer, Kind festhalten, nähen, zack, wieder raus, fertig, Urlaub kann beginnen.] Nun sind wir etwas bedächtiger unterwegs, beobachten all die frei umhertrottenden, gemütlichen Hunde und die vielen Kühe auf den Straßen und wandern ein kleines Stück mit zwei jungen deutschen Rucksacktouristen, deren schweres Gepäck ihre Schritte an unser Tempo angleicht. [Erkenntnis 6: Was dem Berliner die Hundekacke auf den Straßen ist, ist dem Georgier der Kuhfladen.]

Dass Georgien ein kinderliebes Land ist, merkt man sofort daran, dass nicht nur wildfremde Frauen den eigenen Kindern über den Kopf streicheln oder sie auf den Arm nehmen wollen, sondern dass dies auch gern Männer tun. Die großen Jungs müssen ständig mit Georgiern abklatschen. Der Kleinste hat so das Händeschütteln schnell gelernt. Und wird andauernd gerettet.

IMG_2581Selbst Polizisten lachen, wenn sie unsere drei blonden Kinder an ihnen vorbeigehen sehen und wuscheln ihnen noch schnell über die Haare. [Erkenntnis 7: Polizisten sind in Georgien sehr entspannt. Das könnte auch daran liegen, dass ihr Tun – z.B. wenn sie ein Auto anhalten – von einer Kamera überwacht wird. Kein Schmiergeld; werden Strafen gezahlt, gibt es gleich einen ausgedruckten Beleg vor Ort. Wie das in Russland läuft, schildere ich an anderer Stelle.]

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Internet gibt es faktisch überall. Selbst im riesigen Botanischen Garten in Batumi (dessen Länge sich auf zwei Elektritscha-Haltestellen erstreckt) sind immer wieder Wifi-Zonen eingerichtet. Und in den Bergen baut man schnell ein neues Elektrizitätswerk, damit die ständigen Stromausfälle nicht die Router der Touristenunterkünfte lahmlegen. Unser Kaffeekonsum offenbart uns schließlich eine interessante Zweiteilung des Landes: In den swanetischen Bergen und in den großen Städten (Kutaisi, Batumi, Tiflis) sind wir als westeuropäische Touristen, die auf ihren schaumigen Lavazza-Cappuccino einfach nicht verzichten können, gut versorgt. Und zahlen dafür den Preis, für den wir vorher ein georgisches Gericht im Restaurant ausgegeben haben (was in etwa dem durchschnittlichen deutschen Cappuccinopreis entspricht). An den kleineren Badeorten entlang der Schwarzmeerküste (Ureki, Kobuleti, Kvariati) – mit vielen russischen, armenischen und azerbaidschanischen Touristen – suchen wir gute Espressomaschinen hingegen vergebens. Hier dominiert Jacobs-Instant-Kaffee. Türkischer Kaffee ist da die deutlich bessere Alternative. Den kriegen wir am Strand dann auch in To-go-Bechern. Unseren Kindern ist unsere akribisch betriebene Kaffeerecherche wiederum ziemlich egal. Sie wollen Eis! Und das gibt es überall. [Erkenntnis Nr. 8: Kaffee spielt in meinem Leben doch eine größere Rolle, als gedacht. Zumindest merke ich mir die Orte, an denen wir uns aufhalten, über den Preis für einen Cappuccino sowie über dessen Geschmack, Größe und Konsistenz.]

IMG_1007IMG_0738Fazit:

Georgien ist ein tolles Reiseland. Mit Russisch bei den Älteren und Englisch bei den Jüngeren kann man sich unkompliziert verständigen. Kleinere Abweichungen von unseren Erwartungen erinnern uns daran, dass es eben auch anders laufen kann. Manches nehmen wir mit Humor (wie z.B. dass die Taxifahrer ohne Navi fahren und dann bei den Landsleuten vor Ort nachfragen, die oft auch nur vage Auskünfte geben). Bei anderen Dingen haben wir eine routinierte Gegenstrategie entwickelt (das laute Vorrechnen der Preise schon beim Bestellen im Restaurant unsererseits, seitdem stimmen die Rechnungen wieder). Wieder andere Phänomene sind sympathisch (dass es nicht in jedem Museum ein Café mit Schokoriegeln und Eis gibt; dass man bei Regen einfach so von wildfremden Leuten im Auto nach Hause gefahren wird; dass die Architektur so vielfältig ist und es in den Städten noch so viel Altstadt gibt). Insgesamt fühlen wir uns wohl und verstanden. Das gemeinsame sowjetische Erbe verbindet nach wie vor, zumindest bei der älteren Generation. Viele Georgier und Georgierinnen, die wir kennen lernten, hatten zu Sowjetzeiten im Süden Russlands gedient, gelebt oder studiert. Wer am Tourismusboom teilhat, verdient gut; für alle anderen ist das Leben deutlich schwerer, und die Sehnsucht nach den vermeintlichen besseren Werten der Sowjetunion klingt nach. Bleibt zu hoffen, dass Georgien auf einen nachhaltigen Tourismus setzt. Noch sind die Strände und Berge in der Hochsaison nicht komplett überfüllt, noch lassen sich ruhige Plätzchen und spontan eine Unterkunft finden. Und GeorgierInnen, die an ihrer eigenen Küste Urlaub machen.

 

 

 

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4 Gedanken zu „Auf der anderen Seite des Kaukasus – Urlaub in Georgien

  1. Vielen Dank für die interessanten Einblicke und Bilder. Ich weiß von Georgien nur wenig, außer der Tatsache, dass auch in meinem Bekanntenkreis in diesem Jahr viele den Besuch des Landes planen… schöne Bilder, interessante Eindrücke. LG Antje

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  2. „Hatte ich in Deutschland auch nur kurz erwähnt, dass unser Urlaub nach Georgien geht, kannte jeder meiner Gesprächspartner mindestens eine weitere Person, die auch gerade in Georgien zum Wandern sei.“
    –> Ja, kann ich bestätigen. Und andere Freunde wollen uns nächstes Jahr mitnehmen.
    Sonst wie immer ein wunderbarer Bericht. Aber: Wo war jetzt das Rätsel?

    Gefällt 1 Person

  3. Ha, die Rätselfrage musste den Fotos weichen – ich wollte den Eintrag wirklich etwas kürzer halten als beim letzten Mal – , aber schön, dass sie vermisst wurde. Das nächste Mal ist sie wieder dabei, versprochen! Und ihr fahrt doch dann nächstes Jahr oder?;-)

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