Fußball in Stavropol? Es geht um die Wurst!

Die Fußballweltmeisterschaft im größten Land der Welt! Live in immerhin zehn Austragungsorten, davon drei in relativer Nähe bei uns im Süden (Wolgograd, Sotschi und Rostow-am-Don)! Wir fahren da aber nicht hin. In Wolgograd herrscht zurzeit Mückenplage, in Sotschi sind im Sommer sowieso schon so viele Touristen und in Rostow-am-Don sind die Autofahrer so rücksichtslos. Wir bleiben also lieber in Stavropol (Stawropol). Denn auch bei uns sieht man nur noch Fußball. Vielleicht nicht so direkt, aber wer suchet, der findet.
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Das Gebiet Stavropol im Ausnahmezustand

Pünktlich zu WM-Beginn sind nämlich die Marschrutkafahrer in Stavropol so polyglott wie die Polizisten und Taxifahrer in Moskau. So hat man sich auf die zahlreichen ausländischen Fans und deren andere Gepflogenheiten vorsichtshalber mit höflichen „Nicht zu rauchen“-Schildern in den Minibussen eingestellt. Dann eine kleine Sensation: Auf dem Nachbarflughafen in Mineralnye Vody (Mineralnye Wody – ist übersetzt tatsächlich das Mineralwasser) wurde als millionster Fluggast ausgerechnet ein mexikanischer Fan begrüßt. Toll! – Die Feierstimmung der Mexikaner schien sich sofort auf den Nordkaukasus zu übertragen. Und im Kurort Jessentuki hat die nigerianische Nationalmannschaft ihr Basislager aufgeschlagen. Wer sich nicht so gut in Geografie auskennt: Alle diese Ort befinden sich im administrativen Gebiet Stavropol! Wir sind mittendrin! Insgesamt hat man es also gar nicht nötig, mit Plakaten oder Fähnchen Werbung für die Weltmeisterschaft in Stavropol zu machen. Da reicht Ronaldinho, der in den sommerleeren Drogerien für seine Fußballkollektion wirbt. Oder die etwas leblos wirkende Wurst in Fußballform im einzigen Supermarkt mit WM-Liveübertragung.

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Bereit für die ausländischen Gäste

Kritik an der russischen Nationalmannschaft

Ein wenig Unsicherheit herrschte noch vor dem ersten Spiel der russischen Mannschaft. Die Zurückhaltung hielt sich auch in der neu eingerichteten Fan-Zone auf einem der zentralen Plätze, der am Eröffnungstag der Weltmeisterschaft noch recht leer war. Die Technik wusste ebenfalls nicht so recht, was zu tun war, und die Übertragung des Spiels stockte ständig. Woher aber rührte eigentlich die schlechte Meinung vom russischen Fußball, die mir in den Wochen vor der WM heftig entgegenschlug? Vor allem im Internet machten sich russische Fans über ihre Mannschaft recht offen lustig… Und selbst nach dem Sieg über Saudi Arabien diskutierte man anstelle der Chancen der russischen Mannschaft eher die gerade beschlossene Anhebung des Rentenalters. Oder kommentierte das neue Lied des Komikers Semjon Slepakow über den tschetschenischen Präsidenten Kadyrow („Olé-olé-olé“), der selbst als rigoroser Trainer die russische Mannschaft nicht vor der Niederlage retten kann und schließlich das Handtuch wirft.

Nachwuchs kostet Geld

Als Historikerin darf ich bei der Beantwortung der Frage nach dem Ursprung der kritischen Haltung der Russen zum eigenen Fußballvermögen ein bisschen ausholen: Meinen ersten Kontakt mit dem russischen Fußball auf Lokalebene hatte ich mit einer Dame im Park, die uns mit Blick auf unsere aktiven Kinder und mit einem Notizblock in der Hand ansprach. Ob wir die Jungs nicht in einen Fußballverein geben wollen? Hier heißt das übrigens nicht Verein, sondern Fußballschule. Sie notierte unsere Nummer mit einem Kugelschreiber und wenig später rief uns der potenzielle Trainer an. Über die finanziellen Bedingungen waren wir dann jedoch etwas überrascht. Das, was in Deutschland der Jahresbeitrag für eine Mitgliedschaft im Verein ist, war hier der Monatsbeitrag. Schnell mal drei gerechnet, hätte uns das Fußballtraining für alle Kinder mein offizielles Monatsgehalt an der Universität gekostet. Wir waren empört; die wollten doch nur an unseren Kindern verdienen! Außerdem regnete es, so dass wir nicht zum kostenlosen Probetraining gingen. Ein paar Wochen später erreichte uns erneut Werbung für eine Fußballschule. Und wieder dieser utopische Monatsbeitrag!

Erst als ich mit einem jungen Fußballtrainer ins Gespräch kam, verstand ich, warum Fußballspielen in Russland so viel Geld kostet. Kinder trainieren zu wollen, ist gar nicht so einfach. Hier übernimmt nämlich nicht die Gemeinde oder die Stadt die Kosten für die Fußballplätze. Die werden von privater Hand angelegt und gewartet. Entsprechend hoch ist die Platzmiete pro Stunde. Hinzu kommt, dass das Ehrenamt im Fußballtraining, wie in Deutschland üblich, faktisch nicht existiert. Als vollwertiger Trainer (egal in welchem Sport) benötigt man ein Universitätsdiplom. Trainer ist also ein studierter Beruf. Zwar ist das Gehalt in vielen Berufen in Russland leider oft symbolisch, aber im Hauptberuf gänzlich im Ehrenamt zu arbeiten, ist dann doch selbst in Russland schwierig. Die Perspektive der Fußballtrainer ist somit verständlich. Die der Eltern jedoch ebenso. Was bleibt? Zahlen und hoffen, dass der Spross irgendwann als Profifußballer die Kosten für Training, die Fahrten zum Training und den Auswahlen, Kleidung und Schuhe wieder reinholen. Oder die Kinder einfach im Hof Fußball spielen lassen und das gesparte Geld lieber für Englischnachhilfe ausgeben (durch alle Altersstufen hindurch äußerst beliebt!). Dass Fußballtalent somit auch eine Frage des Geldes ist, erklärt vielleicht, warum es in Russland um den Fußball vergleichsweise schlecht bestellt ist. Andererseits, so viel Geld, wie die WM-Touristen jetzt nach Russland bringen – das wird garantiert in die Nachwuchsförderung gesteckt…

Besuch vom Weltmeister

Trotzdem: Es gibt ja auch Sachen, auf die man stolz sein kann. Stavropol hat ja zum Beispiel einen Star-Fußballspieler hervorgebracht: Roman Pawljutschenko, den man von der WM 2006 noch kennt. Gut, lange hatte der nicht in Stavropol gespielt, aber Herkunft ist Herkunft und nun darf eine Schule seinen Namen tragen. Das Fußballstation des Drittligisten FC Dynamo Stavropol inklusive der Mannschaft gehört eher zu den Dingen, die man verschweigt, aber immerhin kann sich die offizielle Internetpräsenz des Clubs sehen lassen.

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Klara Muhle, ehemalige USV-Jena-Spielerin, mit Freizeitfußballern in Stavropol

Ein besonderes Fußballereignis für Stavropol fand noch vor der Weltmeisterschaft statt. Klara Muhle (28), ehemalige Fußballspielerin des USV Jena und Jugendtrainerin kam Anfang Juni von Jena nach Stavropol, um kompetente Auskunft über den deutschen Frauenfußball zu geben. Ihre Erfahrungen brachten u.a. Licht ins Dunkle der Fragen, ob man als weiblicher Torwart manikürte Fingernägel haben könne? Der fachliche Austausch blieb nicht einseitig. Klara lernte wiederum, dass zum Frausein in Russland unbedingt professionell manikürte Fingernägel gehören. (Klara trug ihre Nägel im Tor immer kurz.) Aber auch komplexere Themen wie besondere Trainingsmethoden für den Torwart, die hier sehr beliebten Nahrungsergänzungsmittelchen (Äh, Achtung, kann im deutschen Leistungssport unter Doping fallen…) und die Organisation der Trainerausbildung wurden mit Klara in Talk-Shows, Fragerunden an der Universität und auf dem Fußballplatz diskutiert. Klara erfuhr so unter anderem, dass es momentan in Stavropol eine Mädchen- oder Frauenfußballmannschaft ebenso wenig gibt wie Panini-Fußball-Bilder zum Sammeln. Die Region Krasnodar, quasi unsere südlichen Nachbarn, die noch chaotischer Auto fahren als die Rostower, haben inzwischen eine Mädchenmannschaft. Wir in Stavropol trösten uns damit, dass Klara in ihrer Kindheit und Jugend auch keine Mädchenmannschaft hatte: Sie spielte bis sie 17 war, bei den Jungs. Es besteht also Hoffnung für die weiblichen Fußballerinnen Stavropols, die nur noch entdeckt werden müssen. Überhaupt zeigte Klaras Besuch, dass trotz aller Unterschiede in Finanzierung und Organisation des Fußballs die Liebe zum Sport doch universell ist. Und – egal wie groß das Interesse am Fußball(schauen) ist – darüber reden kann man immer.

Fazit:

Unsere Familie guckt Fußball. Sogar die Babuschka, obwohl sie immer durcheinanderkommt, weil ständig eine weiße Mannschaft auf dem Feld ist und meist noch eine rote dazu. Und im nächsten Spiel wieder, aber das sind doch jetzt wirklich dieselben, woher kamen die noch mal..? Aber dass Deutschland und Russland spielen, das weiß sie. Und denen drückt sie die Daumen. Unsere Kinder halten noch keine 90 Minuten vor dem Fernseher durch. Sie spielen dann im Nachbarzimmer selbst weiter. Zum Training haben wir sie noch nicht angemeldet. Momentan ist es eh viel zu heiß. (Das sagte selbst der russische Kommentator entschuldigend, als Russland in seinem letzten Vorrundenspiel etwas müde wirkte.) Karten für ein Spiel im Stadion hat übrigens niemand unserer russischen Freunde oder Verwandten. Das liegt zur einen Hälfte wohl daran, dass Fußball tatsächlich nicht die Stellung in der Gesellschaft hat, zur anderen, dass den Leuten einfach das Geld für Eintritt, Fahrt und Übernachtung fehlt. Public Viewing ist hier in der Provinz noch nicht so etabliert. Andererseits: Das fing in Deutschland ja eben auch erst 2006 mit der WM im eigenen Land an. Dass mittendrin manchmal auch abseits heißt, kann überaus angenehm sein: Der Kommerz rund um die Vermarktung von Fußballprodukten hält sich fern der Austragungsorte erstaunlicherweise in Grenzen. In diesem Sinne: „Olé, olé, olé!“

Die Rätselfrage zum Abschluss, diesmal mit erweitertem Antwortteil:

Was ist ein „GOL“?

a) Die russische Bezeichnung für einen „Flitzer“, abgeleitet von „golyj“ (nackt).

b) Das russische Wort für „Tor“.

c) Die Abkürzung für „gromkoe otetschestwennoe likovawanje“ (lauter einheimischer Jubel).

d) Der Spitzname für den legendären sowjetischen Torwart Lew Iwanowitsch Jaschin.

Richtig ist Antwort b). Wie auch viele andere Sprachen hat das Russische zahlreiche Fußballvokabeln aus dem Englischen übernommen: pervyj tajm – erste Halbzeit, ofsajd – abseits (obwohl es hier zusätzlich die russische Variante „außerhalb des Spiels“ gibt), oder aber aus dem Deutschen „schtrafnoj“ (Einwurf oder Strafstoß). Einen eigenen Begriff für „Flitzer“ gibt es im Russischen nicht, meist werden sie als „nackte Fans“ (golyj fanat, golyj boleljschtschik) bezeichnet. Lew Jaschin gilt als Jahrhunderttorwart in Russland, und wurde auch von der International Federation of Football History and Statistics (IFFHS) zum besten Torhüter des 20. Jahrhunderts gewählt. Der Spitzname „gol“ wäre da sicher etwas unpassend. Die Abkürzung c) ist nur ausgedacht, denn mit dem Jubel muss zumindest in Stavropol noch etwas geübt werden. Aber auch einige der russischen Fußballkommentatoren könnten durchaus etwas mehr Gefühle bei ihrer Arbeit zulassen. Als Zuhörer bekommt man es ja kaum mit, dass in der 37. Minute gegen Uruguay nach zwei gelben Karten plötzlich nur noch zehn russische Spieler auf dem Platz stehen. Wut? Verzweiflung? Enttäuschung? „Da müssen wir unsere Mannschaft jetzt noch mehr unterstützen“, heißt es lapidar. Wie hätten sich die deutschen Kommentatoren stimmlich und stimmungstechnisch längst überschlagen, in rasender Schnelle alles haarklein analysiert und mit ihrer Tonlage keinen Zweifel an der Richtigkeit ihrer Interpretation gelassen! (Ja und natürlich ordentlich – fachlich – über die Gegner geschimpft!) Die russischen Kommentatoren sind eher schweigsam und lassen die Bilder für sich sprechen. Vielleicht machen sie sich auch einfach das russische Sprichtwort „ne budem o plochom“ (reden wir lieber nicht über die schlechten Dinge) zu eigen… Wir jedenfalls gratulieren Russland zum zweiten Platz in der Vorrundengruppe und hoffen auf zahlreiche Ausrufe „Goooool!“ für die Gastgeber!

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Gern ein bisschen Retro – Werbung für eine Parfümeriekette

 

 

 

 

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3 Gedanken zu „Fußball in Stavropol? Es geht um die Wurst!

  1. Bei Rot und Weiß kann man ja auch mal durcheinander kommen. Ist ja nicht mehr so eindeutig wie früher, als die Roten die glänzenden Helden und die Weißen die reaktionären, imperialistischen Zaristen waren.

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