Teil 2: Der 9. Mai in Stavropol oder Von Panzer-Kinderwägen, Männern mit Bärten und dem „unsterblichen Regiment“

Der neunte Mai, frühmorgens. Schwere Wolken hängen über der Stadt und haben sich vorsorglich die besten Plätze für die Militärparade gesichert. Ein weiterer Blick aus dem Fenster macht klar: Es wird einen Massenkampf der Schirme geben. Wenigstens wäscht der penetrante Dauerregen den beißenden Farbgeruch aus der Innenstadt. Wer im Frühling schon mal in Russland war, kennt die Szene: Überall werden Zäune, Spielplätze, Bänke und Laternenpfähle gestrichen. Schön über die dicke Schmutzschicht, unter der die Farbe vom letzten Jahr sowieso kaum noch zu erkennen ist. Echte Handarbeit mit Pinsel wurde inzwischen von praktischen Farbsprühgeräten abgelöst. Im häufig windigen Stavropol verteilt sich dabei der Sprühnebel sofort unter den vorbeieilenden Passanten; aber der Sprüher ist normalerweise ausdauern und ein Teil der Farbe landet schließlich doch an ihrem Bestimmungsort. Pünktlich zum 9. Mai glänzt die Stadt. Dieses Jahr nur leider nicht im Sonnenlicht.

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Die Marschrutka in Richtung Innenstadt ist brechend voll. Eine besondere Feierstimmung kann ich nicht ausmachen. Vielleicht ist der Großteil der Mitfahrenden wie meine KollegInnen an der Uni zwangsverpflichtet worden? Oder traumatisiert, wie einige meiner Studierenden, die als Schüler stundenlang bei größter Hitze oder im strömenden Regen auf dem Appellplatz stehen und sich langweilige Reden anhören mussten. Und zusammen mit all den anderen unmusikalischen Mitschülern leidenschaftslos und schief Kriegslieder sangen. Mir tropft es vom undichten Dachfenster in den Nacken.

Minisoldaten und modische Aspekte

Das Zentrum ist gesperrt, ich steige aus und gehe den Rest zu Fuß. Auf dem Weg zum Leninplatz sehe ich sie dann: die stolzen Sieger. Nein, nicht die Veteranen… Kinder in Miniaturuniformen des 2. Weltkrieges, wahlweise mit Cars- oder Elsa-Eisprinzessin-Regenschirmen. Begleitet von ihren Eltern mit rotem Stern auf der oliv-braunen Soldatenmütze. Und da, Bahne frei für den Nachwuchs! Ein kleiner Kämpfer im Buggy-Panzer wird von seiner aufrechten Mutter durch die Massen geschoben. Hatte ich gesagt, der Mai sei in seiner Feierlaune so etwas wie Weihnachten bzw. russisch Neujahr? An die Verkleidung hat man auf jeden Fall gedacht. Geschmückt wird natürlich auch. Statt roter Nelken – wie ich zum 1. Mai erwartet hatte, aber enttäuscht wurde – hängen seit Wochen überall Plakate mit Losungen wie „Wir gedenken und sind stolz“ und „Wir gratulieren zum Tag des Sieges“.

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Mein Sieg?

Eine vergleichsweise junge Mode ist das Tragen des St. Georgs-Bandes (georgievskaja lentotschka). Mir persönlich gefallen diese leuchtenden orange-schwarz-gestreiften Schleifenbänder, die sich Kinder, Männer und Frauen jeglichen Alters an die Brust heften und stolz herumtragen. Die Bändchen selbst gab es bereits unter Katharina II. in Verbindung mit dem Georgs-Orden, der höchsten militärischen Auszeichnung im Russischen Imperium. In der Sowjetunion war diese Schleife Teil des militärischen Ordens „Sieg über Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg“. Seit 2005 werden die Bändchen kostenlos verteilt. Ziel der laut Organisatoren explizit unpolitischen und nichtkommerziellen Initiative ist es, den Krieg auch unter der jüngeren Generation nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Allerdings hat sich die Aktion recht schnell in einen Modetrend verwandelt. Ob Hund oder die Wurst in der Theke: Man trägt heute Schleife. Außer in der Ukraine. Dort ist das Bändchen doch zum Politikum geworden. Als prorussisches Symbol verurteilt, verfolgen ukrainischen Patrioten das feindliche Bändchen. In Stavropol hingegen ist es einfach schick (siehe Fotos).

Nebenbei, für Schüler ist das Tragen des St. Georgs-Bändchens Pflicht. Blöd nur, wenn dann in der Marschrutka die Jugend mit der Schleife am Hemd eben nicht für den greisen Herrn mit den bunten Orden aufsteht. Jaja, der mangelnde Respekt der Jugend vorm Alter… Dabei begeistern sich gerade Schüler durchaus für bestimmte alternative Formen des Kriegsgedenkens. Im Vorfeld des 9. Mais konnten sie im Rahmen der von Studierenden organisierten Veranstaltung „Ein Sieg für alle“ auf einer Leinwand ihre farbigen Handabdrücke „für eine leuchtende Zukunft“ hinterlassen, verrostete deutsche Original-Stahlhelme bewundern, den im Krieg gefallenen Verwandten eine Feldpost auf vergilbtem Papier schreiben oder ein Gewehr in Sekundenschnelle zusammenbauen. Gut, auch hier ist die Teilnahme üblicherweise verordnet. Aber man lässt sich immerhin etwas einfallen, um das Gedenken für die jungen Leute attraktiver zu gestalten. Für die jahrzehntelangen klassischen Treffen mit den Veteranen fehlen ja auch bald die Gesprächspartner.

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Wer ist der Schnellste?

Stalin und die Wölfe

Wem die kostenlose Bändchenvariante nicht reicht, um sich am 9. Mai sichtbar zu machen, der kann für sein Auto zusätzlich diverse Aufkleber erwerben. So z.B. programmatisch: „Auf nach Berlin!“ (Na Berlin!) oder etwas poetischer: „Danke Großvater, für den Sieg!“ (reimt sich im Russischen: Spasibo dedu za pobedu!) oder aber generationsübergreifend: „Ruhm dem siegreichen Volk“. Man kann natürlich auch Stalin-Devotionalien kaufen. Meine Studierenden überraschten mich übrigens mit ihrem distanzierten Verhältnis zu dem ansonsten in Teilen der Gesellschaft immer noch sehr geschätzten Führer des sowjetischen Volkes. Zumindest an ihren Schulen hatte man eine gewisse Widersprüchlichkeit dieser Person wohl mittlerweile erkannt, wenngleich diese Erkenntnis keinesfalls in eine Diskussion münden sollte. Am Tag des Sieges begegnet mir Stalin jedenfalls dreimal. Auf einer roten Fahne schwenken junge Leute sein Konterfei an mir vorbei. Die gleiche Fahne sehe ich später in der Auslage der Kette „Blokpost“. (Der treue Leser erinnert sich an den patriotischen Zusammenhang zwischen dem Tag der Vaterlandsverteidiger und diesem speziellen Outdoorgeschäft in einem früheren Beitrag.) Und dann kommt Stalin auf einem roten T-Shirt direkt auf mich zu. Der nicht mehr ganz nüchterne Träger in meinem Alter will seinen eigenen Kopf aber nicht mit auf dem Foto haben, das ich schnell, äh, schieße.

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„Gerecht ist unsere Sache. Wir werden siegen.“

Wenn wir schon von ambivalentem Gedenken sprechen. Einige andere medienwirksame Vertreter des neuen russischen Patriotismus hatten Stavropol dieses Jahr beehrt: die Motorradgang Nachtwölfe. Die war Mitte April erstmalig von Stavropol aufgebrochen, um ihre traditionelle Gedenkfahrt von Russland durch Europa wieder symbolisch in Berlin enden zu lassen. Ihr charismatischer Anführer Zaldastanov (Spitzname: „Chirurg“) hat nicht nur eine auf Gegenseitigkeit beruhende Schwäche für die orthodoxe Kirche, sondern auch für Stalin. Na und mit Putin versteht er sich selbstverständlich prima und hilft gern mal auf der Krim aus. Absolut verständlich also, dass der Gouverneur des Stavropoler Gebietes neben einem so coolen Typen die eigene Geschichte etwas frisierte und in seiner Rede anlässlich des Starts der Bikertruppe „die Kriegswende in der Schlacht um den Kaukasus 1943“ nach Stavropol verlegte. Sagen wir`s, wie es ist: Der Gouverneur war einfach aufgeregt. Und wenn schon mal – einem stattlichen Wikinger gleich – der muskulöse Zaldastanov mit Rockerbart und Tribaltattoo am Hals vorfährt, sollte man auch nicht so pedantisch sein. Die Reaktionen von den kleinlichen Hobbyhistorikern, die sich im Nachhinein fragten, was für eine Kriegswende der Gouverneur da im Stavropoler Gebiet meinte, halte ich deshalb für völlig überzogen. Es geht ja um das große Ganze. Vater Aleksandr jedenfalls gelang es bravourös, der wichtigen Veranstaltung einen eleganten Abschluss zu verleihen. Soeben noch den gemeinsamen Gedenkgottesdienst mit den Bikern abgehalten, schwang er sich im schwarzen Priestergewand sportlich auf sein eigenes Motorrad und begleitete die Gruppe ein Stück auf ihrem historischen Weg. Was für ein Bild! Und da sage noch jemand, die orthodoxe Kirche sei angestaubt…

(Für die Nerds: Die Befreiung der Gebiete um Stavropol begann bereits im Januar 1943 als Folge von Stalingrad und weiteren heftigen Kämpfen im Süden Russlands, als deren Ergebnis sich die Deutschen zurückzogen.)

Die Militärparade und das „unsterbliche Regiment“

Von der Parade sehe und höre ich aufgrund der Massen nicht viel. In der Ferne rollt irgendwelche Kriegstechnik vorbei. Meine Kinder hätten diese Maschinen bestimmt richtig benennen können. Auf einigen Wagen werden Szenen des Kriegsverlaufes dargestellt. Gut, dass da auch ein paar Zahlen auf Plakaten zu lesen sind. So kann man noch mal nachprüfen, wann Stavropol und die umliegenden Gebiete befreit wurden. Hat bestimmt der Gouverneur verfügt.

„unsterbliches Regiment“

Zwei Flugzeuge fliegen im Tiefflug über den Platz hinweg. Die Militärkapelle beginnt ihren Marsch und ich schaffe es doch noch, mir einen Platz am Absperrungszaun zu sichern. Jetzt kann ich das „unsterbliche Regiment“ (bessmertnyj polk) aus nächster Nähe verfolgen, eine ebenfalls recht neue Erscheinung, die sich jedoch schnell und problemlos in den festen Kanon der traditionellen Gedenkabläufe einfügt. Hier marschieren die unsterblichen Kriegshelden in Form von A4-großen Fotografien, die jeweils mit Namen und Lebensdaten der im Krieg Gefallenen versehen sind. Getragen werden die an weißen Stäben befestigten Bilder von den Verwandten der Verstorbenen, der heutigen Generation Russlands. Diese Aktion ist überaus populär und wächst von Jahr zu Jahr. In Moskau sollen es über eine Million Teilnehmer sein, in Stavropol sind die Reihen heute weniger dicht gedrängt. Nach dem „unsterblichen Regiment“ folgt mit ihren blauen Fahnen die Partei „Einiges Russland“, deren Werbeabteilung zuvor fleißig Aufkleber mit dem Parteiemblem und 9.-Mai-Glückwünschen verteilt hatte. Bis alle sonstigen wichtigen Organisationen und Institutionen (darunter wohl auch meine KollegInnen) in geordneten Blöcken vom Leninplatz in Richtung Ewiges Feuer an mir vorbeimarschiert sind, dauert es mir zu lange. Mir ist inzwischen kalt, obwohl es endlich aufgehört hat zu regnen. Die Leute um mich herum sind auch nicht euphorischer geworden. Möglicherweise kommt die richtige Feierstimmung dann in der zweiten Tageshälfte bei den Konzerten auf. Ich mache mich trotzdem auf den Heimweg.

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Fazit: Veteranen sehe ich an diesem Tag kaum, vielleicht waren die wenigen, die noch gesundheitlich in der Lage sind, am Morgen bei der Kranzniederlegung am Ewigen Feuer. Die Parade und deren Besucher hinterlassen in mir äußerst gemischte Gefühle. Mit der Demonstration der Kriegstechnik kann ich leben. Das Fotografienmeer der verstorbenen Angehörigen ist beeindruckend und berührend. (Im Gegensatz zu den selbstgemalten Zeichnungen, die irgendwelche armen Studierenden – offensichtlich nicht aus der Fachrichtung Design- oder Kunst – für die Pinwand im Unigebäude anfertigen mussten. Grauen!) An fröhliche Kinder, die ausgelassen in Soldatenuniform spielen, mag ich mich hingegen nicht gewöhnen. Nächstes Jahr werde ich bestimmt ruhigere Orte des Erinnerns aufsuchen.

Vergleich: Thematische Kunst aus russischen Bildungseinrichtungen (Kita und Uni)

 

Und zum Schluss die Rätselfrage:

Was ist eine „Pilotka“?

a)      Die weibliche Bezeichnung für „Pilot“ im Russischen.

b)      Die chauvinistische Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsorgans.

c)      Die Bezeichnung der Kopfbedeckung, die von sowjetischen Soldaten im 2. Weltkrieg getragen wurden.

d)      Bezeichnung für kleine Personen, die von ihrer Statue her hätten Flieger werden können.

Richtig ist – neben leider auch b) – Antwort c). Unter „Pilotka“ versteht man eine leichte Kappe (dt. „Schiffchen“), die Teil der Soldatenuniform ist. Es gibt unterschiedliche Modelle, auch Kopfbedeckungen anderer Armeen (Deutschland, USA) oder aber ziviler Art können so bezeichnet werden. Im Kontext des 9. Mais denkt man natürlich an die „Pilotka“ der sowjetischen Armee mit dem roten Stern.

 

 

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