Teil 1: Mai in Stavropol oder Zwischen Schaschlyki, Sonnenblumenkernen und Pizza

Mai in Stavropol. Tief durchatmen, denn über die Feiertage hat die Menge der Autos auf den Straßen unerwartet abgenommen. Kurz innehalten und dem Zwitschern der Vögel lauschen und beim Blick in die Bäume feststellen, dass das zarthelle Grün das Sonnenlicht besonders schön reflektiert. Bei plötzlich fast 30 Grad fühlt sich die dünne Kleidung auf der Haut ungewohnt leicht und befreiend an. Überall blühen Tulpen in den öffentlichen Grünanlagen und die Springbrunnen haben ihren perligen Wassertanz begonnen.

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Der Monat Mai ist quasi das Weihnachten des Frühlings, zumindest was die Feiertagsdichte angeht. Das beginnt gleich mit dem 1. Mai. Der ist als internationaler Tag der Arbeit auch in Russland ein Feiertag. Um so richtig in Mai-Stimmung zu kommen, ist der 2. Mai (ein Mittwoch) ebenfalls frei und – damit es sich wirklich lohnt – wird in diesem Jahr der der 30. April (ein Montag) auch gleich mitfreigegeben. Allerdings wird dafür der Samstag vor den Feiertagen zum Arbeitstag erklärt. Man soll ja nicht denken, dass in Russland nur gefeiert wird.

Nein, in Russland wird Anfang Mai vor allem gegrillt! Durch alle Bevölkerungsschichten hindurch, ja in allen Alters- und Volksgruppen. Auf der Datsche, am Fluss und am liebsten: im Wald. Der ist pünktlich zur Picknicksaison müllfrei. Für wenige Stunden kann der einsame Wanderer unberührte Natur genießen. Bis dann auch in die entlegensten Waldwinkel langsam Autokolonnen heranrumpeln, deren Insassen mindestens einen ganzen Tag lang Schaschlyki (riesige Fleischspieße) eingelegt und Unmengen von Salaten vorbereitet haben. Für das Grillen im Freien gibt es einige wichtige Regeln: Die Feuerstelle wird direkt neben dem Auto angelegt. Gegessen wird auf Picknickstühlen oder im Kofferraum sitzend (Frauen) bzw. davor stehend (Männer). Die Musik aus den Boxen (wahlweise im Auto installiert oder als mobile Geräte) hat dabei so laut zu sein, dass man die Anlage vom Nachbarparkplatz übertönt. Vom eigenen Auto wird sich nur zum Austreten entfernt…. Herrlich im Wald oder? Mit der Einhaltung dieser kleinen Regeln wird so ein optimales Naturerlebnis garantiert. Zu vergessen ist zum Schluss natürlich der Müll… äh, welcher Müll?

Wem es in der Natur zu anstrengend ist oder wer kein eigenes Auto hat, der kann seine Schaschlyki natürlich auch in einem der zahlreichen Freiluftcafés in den Vergnügungsparks der Stadt genießen. So wie wir dieses Jahr. Kurzfristig hat sich unsere Verwandtschaft aus Zelenokumsk gemeldet. Für sie und deren Kinder ist der Ausflug in die Großstadt Stavropol nämlich ein echtes Event. Nach der obligatorischen Teilnahme an der Mai-Demonstration der Gewerkschaft am Morgen –  dem offiziellen Programmpunkt der Busdelegation aus Zelenokumsk – musste es sogleich ins Einkaufszentrum gehen. Eine Stunde Trampolinspringen für die Kinder (6 Euro/Kind), für die Mütter Pepsi. Ich hatte mich währenddessen mit dem Jüngsten in die schattigen Grünanlagen am Theater verzogen. Jetzt ist also Park angesagt, der in Russland besonders an Feiertagen ein Synonym für Rummel statt für Ruhe ist.

Am Eingang des „Zentralen Parks“ hat es sich eine dicke armenische Babuschka mit modischer Sonnenbrille bequem gemacht und verkauft selbstgeröstete Sonnenblumenkerne. Ein seltenes Bild. Vor einigen Jahren wurde der Straßenverkauf von Sonnenblumenkernen verboten. Damals bekam man die schwarzen Kerne („ein Gläschen“ voll) entweder in eine zu einer Tüte geformten Zeitungsseite oder einfach in die Hosentasche geschüttet. Seit dem Verschwinden der Babuschkas liegen nun überall am Straßenrand leere rote Tüten mit der Aufschrift „Krutoj oker“ herum. Diese Firma verkauft die Sonnenblumenkerne hübsch und steril verpackt in jedem Supermarkt. Zumindest kommen die Kerne laut Firmenseite immer noch aus der Region und nicht aus China. (Die Idee, statt einheimischer Produkte lieber chinesische Lebensmittel zu importieren, ist leider alles andere als abwegig. Der vakuumverpackte vorgekochte Mais in den Geschäften ist tatsächlich ausschließlich chinesischen Ursprungs. Und das im agrarischen Süden Russlands – der Kornkammer des Landes… Aber ich schweife ab.)

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Die Babuschka als kapitalismuskritisches Element inmitten des ganzen Kommerz hat sogleich meine Sympathie. Allerdings haben wir etwas zu lange gedankenverloren herumgestanden, denn Babuschka erspäht gerade die Beinchen des jüngsten Sprosses auf dem väterlichen Rücken. Der treue Leser weiß, was nun passiert…. Dass wir das schlafende Kleinkind in der Trage dieses Mal noch mit einem Tuch abgedeckt haben, reizt die alte Frau besonders. Das Kind bekommt doch keine Luft! Aber auch heute haben wir Glück. Die Babuschka kommt mit ihrem Sonnenschirm in der Hand nicht schnell genug vom Stuhl hoch und wir verschwinden geübt in der Menge.

Statt in Autokolonnen auf Wanderwegen reihen wir uns also mit unserem Besuch in die Menschenmassen im Park ein, die von einem Imbissstand über Jahrmarktbuden zum nächsten Kinderkarussell ziehen. Inzwischen sind alle müde und hungrig. Auf der verzweifelten Suche nach einem freien Sitzplatz und Schaschlyki, deren Zubereitung nicht mindestens eine Stunde dauert, verstehe ich immer besser, warum der 1. Mai ein Tag der Arbeit ist. Erholung ist eben auch Arbeit. Eigentlich sogar eine ziemlich anstrengende. Doch glücklicherweise ersticken das Gedränge und die überlaute Musik derartige Gedanken sofort wieder – und siehe da: ein freier Tisch mit genügend Plastikstühlen für unsere Gruppe!

Wie bitte, Pizza aus der Mikrowelle geht am schnellsten hier? Gut, dann nehmen wir die. Schaschlyki werden eh überschätzt. Am Meer ist es jetzt bestimmt auch nicht anders, eher noch voller, und teurer. Eigentlich gut, dass wir keine Zugtickets mehr bekommen haben. Und wegen der WM ist es da hundertpro vollkommen unentspannt. Unsere Verwandtschaft muss noch schnell zu KFC, bevor ihr Bus zurückgeht. Weil alle, die nach Stavropol fahren, bei KFC essen? Kein Problem, der Ausflug soll ja nicht umsonst gewesen sein. Ach so, wir müssen gleich los? Klar, die Pizza ist eh etwas gewöhnungsbedürftig.

Unser Parkbesuch endet etwas abrupt. Den Rest des Tages haben wir wieder für uns. Wir werden wohl einfach auf dem Spielplatz vor unserem Haus abhängen. Aber morgen, morgen werden wir in den Wald gehen.

Fazit: Schaschlyki gehören zu den russischen Mai-Feiertagen unbedingt dazu. Wer dies aber in echter Natur genießen möchte, sollte die lauten, überfüllten Parks meiden. Und beim Grillen im Wald lieber mehr Zeit zum Wandern als zum Essen einplanen, damit man die Autogriller definitiv hinter sich lässt. Am schönsten ist es schließlich doch auf der Datscha von Freunden oder Verwandten. Eigentlich wie bei uns in Thüringen. Nur dass da die Würste besser sind.

Und endlich wieder die Rätselfrage zum Abschluss:

Was ist ein „sozialer Donnerstag“ (socijal´nyj tschetverg)?

a) Der Tag, an dem öffentlich soziale Forderungen in Form regelmäßiger Demonstrationen gestellt werden.

b) Der Tag in der Woche, an dem es 50 % Rabatt bei den Fahrgeschäften der Vergnügungsparks gibt.

c) Der letzte Donnerstag vor dem 1. Mai, an dem der Müll des Vorjahres in den Wäldern von Freiwilligen aufgesammelt wird.

d) Eine Aktion, bei der die Menschen aufgefordert werden, einmal in der Woche ihre Freunde im Park zu treffen, anstatt sich nur in sozialen Netzwerken mit ihnen auszutauschen.

Die richtige Antwort lautet b). Das Äquivalent zum deutschen „Familientag“ auf dem Rummel ist der „soziale Donnerstag“ in den Stavropoler Parks. Bei den vergleichsweise hohen Preisen (mein Lieblingsthema…) dürften eigentlich 90% der Bevölkerung ihre Kinder ausschließlich donnerstags auf die Karussells setzen. Während in Deutschland Karussels auf öffentlichen Plätzen eher einen Ausnahmezustand darstellen und man sie theoretisch meiden kann, ist dies in Russland schwierig. Da bleibt den genervten Eltern nur, den Parkspaziergang auf den eisigen Winter zu verlegen. Wenn die Fahrgeschäfte unter planen verdeckt sind, von den Losbuden nur noch ein nackter Bretterverschlag zu sehen ist und aus den Lautsprechern die winterlich gedämpften Melodien von Modern Talking die einsamen Spaziergänger begleiten, hat der Park auch ohne Maiblüte seinen ganz eigenen Zauber.

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Ein Gedanke zu „Teil 1: Mai in Stavropol oder Zwischen Schaschlyki, Sonnenblumenkernen und Pizza

  1. : ) wundervoll kreirte Bilder hast du da verfasst meine Liebe! Als ob ich live dabei gewesen wäre!
    Küss die Jungs und auf ganz ganz bald am Skype!

    Baci mille
    Karo

    Gefällt 1 Person

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