Die Präsidentschaftswahl in Russland verstehen

In deutschen Medien liest man viel Kritisches über die bevorstehende Wahl Putins, also ich meine über die Präsidentschaftswahl in Russland. Dass es aber geradezu notwendig ist, Putin zu wählen, möchte ich in diesem Beitrag aufzeigen. Wer den ersten Teil nicht versteht, kann vielleicht über den zweiten nicht lachen. Oder umgekehrt. Oder beides.

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Teil 1: 10 Gründe, warum die Jugend in Stavropol Putin wählen muss

Der Frühling steht vor der Tür, die ersten Vögel singen bereits in den Bäumen und es ist Zeit, über die Zukunft des Landes zu entscheiden. Für meine Studierenden ist es das erste Mal, dass sie an einer Präsidentschaftswahl teilnehmen. Leider musste ich feststellen, dass die Motivation zur Wahl zu gehen, nicht bei allen sehr hoch ist. Deshalb habe ich hier für sie und die deutschen LeserInnen kurz zusammengefasst, warum es wichtig ist, wählen zu gehen und natürlich seine Stimme Putin zu geben.

1)      Beginnen wir mit dem ökonomischen Argument: Der Entwurf des offiziellen (staatlichen) Wahlaufrufplakats hat den russischen Steuerzahler 37 Millionen Rubel (knapp 530.000 Euro) gekostet. Da kann man jetzt nicht einfach nicht hingehen.

2)      Wiederum hat als einziger Präsidentschaftskandidat Putin gespart, weil er die Vorlage nur leicht abwandelte, um sein persönliches Wahlplakat zu erstellen. Kandidaten wie Zhirinovskij haben in verschwenderischer Manier einen komplett anderen Entwurf erarbeitet. Und den sieht man in Stavropol nicht mal. In der Stadt hängt nämlich nur Vladimir Vladimirovitsch Putin.

3)      Organisatorisch gesehen ist das Datum des 18. März hervorragend gewählt: An dem Tag fand die „Wiedervereinigung der Krim mit Russland“, unterstützt von Präsident Putin, statt. Da kann man als guter Student zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und mit dem Urnengang gleich noch seinen Patriotismus demonstrieren.

4)      Auch unter arbeitsökonomischen Aspekten ist die Wiederwahl Putins notwendig: Man braucht sich als Student keine neuen Gesichter im Büro des Dekans oder Vizerektors zu merken. Das obligatorische Putin-Porträt kann einfach hängen bleiben. Und die Dekane und Vizerektoren sparen obendrein Geld.

5)      Kommen wir zum physischen Argument: „Ein starker Präsident, ein starkes Land.“ Mit dieser Kurzcharakteristik seiner bisherigen Amtszeiten wirbt Putin für politische Kontinuität und betont Russlands entscheidende Rolle im Weltgeschehen. Natürlich denkt man bei dem Spruch sofort an den sportlichen Putin, der mit freiem Oberkörper seine Muskeln spielen lässt. Schon deshalb sind die anderen KandidatInnen keine Alternative. Die Jugend von heute braucht eben einen echten Mann als Vorbild. Einen, der im Notfall seine Gegner per Kampfsport selbst erledigen kann.

6)      Der immer und überall präsente Präsident: Keiner der anderen Kandidaten sorgt sich so um Stavropol wie Putin. Er war sogar schon einmal an unserer Universität! Jeder, der es geschafft hat, sich mit Putin knipsen zu lassen, hat mir dieses Foto stolz präsentiert. Ja, und als Putin nicht persönlich kommen konnte, hat er Anfang des Jahres extra eine „Telebrücke“ geschaltet, um mit engagierten Studenten über aktuelle Studienfragen per Videokonferenz zu diskutieren. Das wird seitdem als Dauerschleife im Universitätsfernsehen gezeigt. Man weiß hier, was man Putin schuldig ist. Und Putin wendet sich als einziger auf einem seiner Plakate direkt an unsere Stadt: „Stavropol für ein starkes Russland!“ Ach, auch wir sind Teil des Ganzen!

7)      Außerdem ist die Lebenserwartung unter Putin angestiegen. Dass ihm die Region Nordkaukasus bei seiner Arbeit besonders am Herzen liegt, sieht man an der offiziellen Statistik von 2016. Der Nordkaukasus gilt als Föderationskreis mit der höchsten Lebenserwartung (75 Jahre) und hat seinen Höchststand in der Geschichte Russlands erreicht. Länger leben dank Putin! Wenn das keine Perspektive für die heutige Jugend ist…

8)      Putin kümmert sich überdies wirklich um seine Wähler. Zum Beispiel um die Cousine einer Studentin an der medizinischen Hochschule oder um die Mutter im Staatsdienst einer anderen Studentin. Damit die beiden nicht vergessen zu wählen, müssen sie ihren Wahlgang nachweisen. Sonst gibt´s kein Studium und keinen Arbeitsplatz. Selbst an mich hat er gedacht. Ich bekam nämlich wie alle anderen Handybesitzer eine offizielle SMS mit einer freundlichen Erinnerung, am Sonntag wählen zu gehen. Na gut, sein Name stand nicht drunter. Aber irgendwie ist doch alles Putin oder?

9)      Das Bequemlichkeitsargument ist keine Ausrede mehr: Wem der Gang ins Wahlbüro doch zu weit ist, der wird seit ein paar Tagen durch eine Sprachnachricht in den sozialen Netzwerken beruhigt. „Wer für Putin ist, braucht nur noch vor dem Fernseher zu nicken.“ (vollständige Nachricht im 2. Teil dieses Beitrags)

10)   Schließlich und endlich ist jede Stimme wichtig, denn das Wahlergebnis könnte denkbar knapp werden. Es geht hier um die Zukunft Russlands! Die möglichen dramatischen Auswirkungen des Ergebnisses auf die russische Gesellschaft hat eine junge Studentin wie folgt zusammengefasst: „Entweder wird Putin Präsident oder Vladimir Vladimirovitsch.“

 

links: Das Plakat von Zhirinovskij darf nur außerhalb hängen; rechts: Das teure Gewinnerlogo zum Wahlaufruf

 

Teil 2: Russischer Humor

Nun möchte ich die Einwohner Russlands selbst zu Wort kommen lassen. Was diese rund um die Wahl wirklich bewegt. Es handelt sich um meine Übersetzung der Sprachnachricht, die in der letzten Zeit auf instagram, whats app etc. verbreitet wurde. (Das Original, 1:19 min, ist auch auf youtube nachzuhören, Schlagwörter „кивать путин“.)

Männerstimme: Man sagt, wer für Putin ist, braucht nicht mehr wählen gehen, sondern muss einfach nur vorm Fernseher nicken.

Ältere Frauenstimme: Ach, das ist ja toll. Und ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil die Wahlunterlagen kamen nicht und ich dachte schon, jetzt muss ich da noch nachhaken. Aber so… wie praktisch! Ich frag mich nur, muss man heute schon mit dem Nicken anfangen?

Dritte Stimme, männlich: Ja, ich hab gestern auch genickt, beim TV-Duell. Jetzt bin ich aber unsicher, ich glaub, ich hab so ein bisschen schief genickt, nach links. Mist, jetzt denk ich, habe ich damit vielleicht aus Versehen für Grudinin genickt?

Vierte Stimme, männlich: Ja Mensch, pass das nächste Mal besser auf und mach dir irgendne horizonta…, äh vertikale Linie. Vova sieht doch, wer nicht richtig nickt. Sonst muss man dann wieder acht Mal hintereinander nicken. Hauptsache dabei nicht verzählen.

Dritte Stimme: Mann, Sch…, das war ja nicht mit Absicht. Ich werd dann beim Fernsehduell ganz normal nicken. Da häng ich im Zimmer so´n Lot auf und werd dann… ganz vorsichtig… ganz korrekt daran entlang nicken. Das muss doch wieder gut zu machen sein!

Weitere Männerstimme: Ich hab heute auch genickt, und genickt, und dann gemerkt, dass der Fernseher aus war. Wahrscheinlich habe ich „gegen alle“ genickt.

😉

Anmerkungen:

Pavel Grudinin… Kandidat der Kommunistischen Partei.

Vladimir Vladimirovitsch Putin (Vova)… muss nicht extra vorgestellt werden.

„Gegen alle“ – Slogan von Xenia Sobtschak, der einzigen weiblichen Kandidatin. Wirbt damit, für sie zu stimmen, wenn man niemandem seine Stimme geben will.

TV-Duell… politische Debatten mit den PräsidentschaftskandidatInnen, aber ohne Putin. Gern skandalös.

 

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2 Gedanken zu „Die Präsidentschaftswahl in Russland verstehen

  1. Wozu habt Ihr eigentlich einen Gouverneur und einen Bürgermeister in Stavropol? Die beiden Posten könnte Putin bei seiner Verbundenheit mit Eurer Stadt doch gleich mit übernehmen, oder?

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