Russländischer Patriotismus oder Tag des Vaterlandsverteidigers

Panzer

Der 23. Februar (Den` zashchitnika otetschestva) ist in Russland ein staatlicher Feiertag und somit arbeitsfrei. Im Jahr 1922 von den Bolschewiki eingeführt, ist er etwas älter als der Tag des Sieges am 9. Mai. An diesem Tag wird den Menschen gedacht, die sich aktiv an der Verteidigung des Vaterlandes beteiligt haben oder dies tun. Doch auch wer nicht gedient hat, wird beschenkt, insofern er männlich ist. Ein russischer Männertag also, der die ganz kleinen Männer mit einschließt. In unserer kleinen Familie ist das kein unwichtiger Tag. Immerhin 80% der Familienmitglieder sind direkt davon betroffen.

Die professionellen Verteidiger: Von Transformern, Soldaten und Faustkämpfer

„Mama, weißt du, was Transformer machen?“ – „Diese komischen Roboter-Autos? Nee.“ – „Sie verteidigen unser Land.“ Die stolze Mitteilung unseres Ältesten ließ mich kurz zusammenzucken. Ich merkte mal wieder, dass es Wörter gibt, die mich in eine emotionale Abwehrhaltung bringen. Verteidigen. Unser Land. Ich sollte mich eigentlich längst daran gewöhnt haben. So brachten unsere beiden Kindergartenjungs im Vorfeld des 23. Februars hunderte Flugzeuge, Panzer und Soldaten aus Papier mit nach Hause. Die wir selbstverständlich schön finden mussten. Panzer und Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg begleiten uns sowieso täglich auf unserem Spaziergang durch den „Park Pobedy“, den Siegespark. Klar, dass darauf gern geklettert wird und Berührungsängste gar nicht erst entstehen. Ich bin dann stets viergeteilt. Die Pazifistin: Welcher Idiot stellt hier unkommentiert Panzer hin? Die Mutter: Lieber jetzt schön Krieg spielen, damit sie später ja nicht zur Armee wollen. Die Deutsche: Sollte ich an dieser Stelle nicht ein Impulsreferat über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht halten? Die Osteuropahistorikerin: Und eins über den Stalinismus hinterher… Ich entscheide mich schließlich doch für meine diplomatische Rolle und denke: Wie interessant! So wird der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg eindrücklich der jüngsten Generation nahegebracht. Und unsere Jungs –  mit deutscher und russischer Staatsbürgerschaft – sind auch mal auf der richtigen Seite.

Dass es überall Soldaten gab, faszinierte unsere Kinder besonders zu Beginn unseres Aufenhaltes. Die meisten von ihnen sahen die Kleinen gleich auf dem Universitätsgelände, wo wir wohnen. Echte Soldaten! Wir mussten den Jungs leider erklären, dass dies nur Sicherheitsmänner in Tarnfarben-Uniformen sind. Psychologisch funktioniert dieser Army-Look bestens. Als wir im Herbst auf dem Gelände des Botanischen Gartens spazieren gingen, fühlten wir uns beim Anblick einer Camouflage-Hose nämlich sofort ertappt. Die Hose kam zielstrebig auf uns zu. Mist, wir waren ja durch das Loch im Zaun eingestiegen. Was wir hier machen, fragte uns der bullige Typ. Nur spazieren, antworteten wir möglichst unbekümmert, dabei hörten wir schon die Handschellen klicken. Ob wir nicht lieber Pilze sammeln wollen? Er kenne da eine echt gute Stelle, wäre doch schade, wenn die verkommen, er habe schon genug gesammelt. Etwas irritiert ließen wir uns seine Tüten voll Pilze zeigen und trotteten ihm zu seiner Fundstelle hinterher. Merke: Armeehosen tragen auch Pilzesammler. (Die Pilze haben wir natürlich stehen gelassen!)

Tarnfarben-Uniformen sind jedoch kein Muss bei der Verteidigung des Vaterlandes. Das ist durch „tri bogatyrja“ (die drei Recken) historisch belegt. Als solche werden unsere Jungs hier regelmäßig auf der Straße bezeichnet. Ein größeres Kompliment gibt es faktisch nicht. Denn spätestens seit den gleichnamigen populären Zeichentrickfilmen weiß jedes Kind, dass die drei slawischen Helden aus dem einfachen Volk – mit den wohlklingenden Namen Aljoscha Popovitsch, Il`ja Muramets und Dobrinja Nikititsch – die Kiever Rus, also den mittelalterlichen Vorläufer des heutigen Russland, gegen jeden noch so starken Feind erfolgreich verteidigten. Bereits optisch lassen sie keinen Zweifel an ihrer körperlichen Überlegenheit. Schultern und Brustkorb sind so breit, dass auf der Leinwand für Kopf, Hände und untere Extremitäten kein Platz mehr ist. An der Heldenbrust beißen sich dann auch sämtliche Gegner die Zähne aus. Waffen brauchen die drei logischerweise nicht. Mit bloßen Fäusten wirbeln sie ganze Armeen durch die Luft. Glücklich sind sie nur, wenn sie in den Kampf ziehen. Ohne Feinde hingegen erscheint ihnen das Leben langweilig und sinnlos. Diese drei Recken verkörpern den russischen Patriotismus in seiner Reinform: Vaterlandsverteidigung als Lebensinhalt!

Die Verteidiger außerhalb des Dienstes: Von Jägern und Anglern sowie Traktorfahrern und Kosaken

Was aber macht der moderne russische Mann, der keine zwei Brüder hat und nicht in der Armee dient? Ganz einfach. Er verteidigt sein Vaterland, indem er angelt. Angeln ist Volkssport und für echte Männer. Das wissen wir spätestens seit Putins Bildern aus dem Sommerurlaub in Sibirien: Putin mit nacktem Oberkörper, einer Angel und einem Riesenfisch in der Hand. Technik, Härte, Ausdauer, Eleganz. Angeln hält fit und eignet sich ebenfalls dort, wo gerade keine Bären zum Erlegen in der Nähe sind. Ein russlandweiter Anbieter von Angel-, Jagd- und Campingausrüstung wirbt deshalb für den 23. Februar damit, dass es nur dort Geschenke für echte Männer gibt. („Lena, ein Kuchen ist kein Geschenk zum Männertag!“)

Es gibt allerdings auch die heimlichen Vaterlandsverteidiger. Der Musiker Igor Rasterjaev widmete sein bekanntes Lied „Kombajnjory“ eben jenen Menschen, den Traktorfahrern der Provinz. Diese jungen Leute kann man weder im Internet noch im Solarium antreffen. Sushi kennen sie nicht, dafür aber jede Schraube an ihrem Traktor. Für ein symbolisches Gehalt sitzen sie in ihrem Traktor und mähen, pflügen, mahlen Getreide und füttern zwischendrin schnell die Schweine. Ohne diese einfachen Helden des Alltags gäbe es kein Land, das man verteidigen könne. Davon singt Igor mit nacktem Oberkörper, vor ihm seine Harmonika, hinter ihm die unendlichen Weiten der Steppe. Oder war das in seinem Kosakenvideo? Egal, nackter Oberkörper passt schließlich immer, um Bodenständigkeit, Männlichkeit und Verbundenheit mit dem Vaterland auszudrücken.

Da wir gerade von Kosaken sprachen. Wer nicht ständig mit Security-Leuten oder Pilzesammlern verwechselt werden will, sollte sich in seiner Freizeit lieber den Kosaken anschließen. Die locken mit schicken Uniformen und blitzenden Säbeln. Außerdem verteidigen sie verloren geglaubte Gerechtigkeit und Ordnung in der heutigen Zeit, haben den Segen der Kirche und des Zaren und verfügen über eine solide geschichtliche Legitimation als Verteidiger der russischen Erde. Nun ja, ihr Verständnis traditioneller russischer Werte ist ein bisschen konservativ und äh… exklusiv. Aber dafür kann man zu ihren Liedern so gut tanzen und klatschen.

Fazit: Vaterlandsverteidiger zu sein ist in Russland Ehrensache. Es gilt: Jeder nach seinen Möglichkeiten, ob als Soldat oder nur in Armeekleidung, im slawischen Bauerngewand, schicker Kosakenuniform oder nur mit nacktem Oberkörper. Am 23. Februar dürfen sich die Männer als Männer feiern lassen. Kleine Geschenke sind gern gesehen. Unsere Jungs wünschten sich von der Babuschka zur Verstärkung ihrer Einheit Transformer. Den Feiertag selbst verbrachten meine Männer jedoch im Bett. Eine Erkältung kann eben auch den stärksten Recken zur Strecke bringen. Wie gut, dass man vom Krankenbett aus wenigstens das Olympiafinale des klassischen russischen Männersports – Eishockey – gucken kann. Bei dem spannenden Spiel war dann schnell vergessen, dass die Sieger über Deutschland ihre Fahne dieses Mal nicht hissen durften.

Zum Schluss die Rätselfrage: Was ist ein „Blockposten“ (blokpost)?

a) Ein russischer Kriegsfilm aus dem Jahr 1998, der im Nordkaukasus spielt.

b) Ein Geschäft, das Tarnuniformen und alles für den Angel- und Jagdbedarf des russischen Mannes anbietet.

c) Ein Online-Ballerspiel „für echte Männer“.

d) Die englische Bezeichnung für Blockstelle, einem Bahnhof, Haltepunkt o.ä., der früher im Eisenbahnverkehr für die Verständigung zwischen Zugfolgestellen über längere Entfernungen notwendig war.

Richtig sind alle Antworten. Als erstes denkt man im Russischen eher an die militärische Bedeutung. Blokpost bezeichnet einen Posten, der sich an der Demarkationslinie zweier verfeindeter Kriegsparteien befindet. Überlebenswichtig im zivilen Alltag ist aber die Kette für den Angel- und Jagdbedarf, die mit einer Zielscheibe im Logo wirbt. Da der russische Mann seinen Verteidigungsauftrag auch in seiner Freizeit nicht vergisst, kauft er Armeehosen und Outdoor-Ausrüstung im „blokpost“ (b).

 

23. Februar

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