„Kinder bedeuten Glück“ (Deti – eto shchastie)

Da wir oft darauf angesprochen werden, wie es ist, mit drei kleinen Kindern in Russland zu leben, steht dieses russische Sprichwort im Mittelpunkt des aktuellen Beitrags.

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Kinder als Kommunikationsanlass oder Wir sind dann mal weg

Kinder sind ein herrliches Mittel, um ungezwungen ins Gespräch zu kommen. Mal mehr, mal weniger freiwillig. Mit einem Baby auf dem Rücken bleibt man nicht lange unbeobachtet. In der kalten Jahreszeit haben wir unseren Jüngsten (9,5 Monate) besonders dick eingemummelt. Wie ein kleines Michelin-Männchen hängt er in seinem Schneeanzug in der Trage und schläft friedlich und unerkannt vor sich hin. Sobald er aber die ersten Geräusche von sich gibt, schaltet sich schlagartig das Umfeld ein. Auf Platz eins der Kommentarliste: „Oh, ich dachte, es wäre ein Rucksack.“ Häufig wird dieser Kommentar mit einem Kichern begleitet und die Entdeckung mit den übrigen Passanten geteilt. Auch wir lächeln jedes Mal erleichtert. Denn diese Reaktion bedeutet, dass wir von Kommentar Nummer zwei auf der Liste verschont bleiben. Listenplatz zwei wird nämlich behauptet von: „Schrecklich, dass Kind atmet ja gar nicht!“ Dieser Satz wird laut anklagend ausgerufen, laut genug, damit die umstehenden BürgerInnen vorwurfsvoll die Köpfe mitschütteln können. Die Person, die sich zum Sprachrohr des unschuldig auf dem Rücken Festgeschnürten aufschwingt, ist zumeist weiblich und um die 70. Eine allzeit wachsame sowjetische Babuschka mit Lippenstift und Goldzähnen im Gesicht und einer Plastetüte mit Blumenmotiv in der Hand! Unauffällig nähert sie sich dem bewegungslosen Kind, um es anzutippen und fühlt sich durch die ausbleibende Reaktion bestätigt. Oder durch die Aufwachgeräusche aus der Tiefe der Trage, die eindeutig auf einen bevorstehenden Tod durch Ersticken hinweisen. Die alte Dame hat jetzt natürlich eine Mission. Das Kind muss aus dem Sack befreit werden, und die ahnungslosen Eltern werden sogleich belehrt, wenn nicht gar bestraft! Nun ist für uns der Zeitpunkt gekommen, an dem wir fluchtartig die Haltestelle, das Geschäft oder die Post verlassen müssen, um der hartnäckigen Verteidigerin traditioneller gesellschaftlicher Werte und Konventionen zu entkommen. „Ich sag Ihnen das als Ärztin…“, ist meist das Letzte, was wir hinter uns hören. Den Anfängerfehler, erklären zu wollen, dass diese Trage ergonomisch sei und wir darin bereits zwei weitere Kinder aufgezogen haben, machen wir schon lange nicht mehr. Wir rennen einfach, ein Kind links, eins rechts an der Hand und Baby auf dem Rücken. – Kinder halten übrigens fit.

Kinder als Waffe

Andererseits kann man insbesondere Kleinkinder gezielt einsetzen, um z.B. lange Wartezeiten zu vermeiden. Diese Erfahrung kann man eigentlich in fast allen Ländern, außer in Deutschland, machen. Mit Baby wird man an der Kasse im Supermarkt vorgelassen und mit Kindern stets an der Passkontrolle im Flughafen. Auch Sitzplätze im Bus werden sofort für die Jüngsten freigemacht. Sogar für den Papa mit Säugling. Aus eigener leidvoller Erfahrung mit der russischen Bürokratie kann ich nur den folgenden Rat geben: Bei Behördengängen unbedingt das eigene oder ein fremdes Baby auf den Bauch schnallen (und nicht auf den Rücken, dann wird es womöglich nicht erkannt)! Funktioniert in Russland wirklich als einziges Mittel zuverlässig, um nicht mit weiteren Formularen konfrontiert zu werden. Kinder sind schon praktisch.

Kinder zwischen den Kulturen oder einfach mitten drin

Als moderne Eltern im Ausland hören wir besonders gern, wie aufgeschlossen, selbstbewusst und interessiert („bezkompleksnye“) unsere beiden größeren Jungs seien. Am Eingang des Puppentheaters präsentieren sie mit konzentriertem Blick ihre Tickets und stürmen sofort in die erste Reihe, während die Kartenabreißerin ungläubig fragt: „Ja, was wollt ihr denn ohne eure Eltern da drin?“ In der Marschrutka schmunzeln Fahrers und Passagiere, wenn die beiden mit ihren Kinderstimmchen laut und deutlich den Zungenbrecher rufen: „Na ostanovotschke, pozhalujsta!“ (An der Haltstelle bitte!) Da werde ich glatt neidisch. Mit meiner deutschen Zurückhaltung werde ich regelmäßig überhört und muss eine Station zurücklaufen…

Die Zweisprachigkeit der Jungs ist ebenfalls gern Anlass zum Lob. Leider lässt sich die inzwischen nur noch einseitig vorführen. Keiner der Jungs antwortet mir mehr auf Deutsch. Einzig folgende Wörter haben die Verdrängung des Deutschen aus unserem Alltag überlebt: Matschhose, Maulwurf, (Bade-) Schaum, Sendung mit der Maus, Grießbrei, Kekse und „Milch mit Honig“. Interessanterweise sagt unser Ältester – auf Russisch – , dass er es schade finde, nicht mehr Deutsch sprechen zu können. Leider reicht dies als Motivation fürs Sprechen-Üben nicht wirklich aus. Beim Telefonat mit Oma muss ich für ihn aus dem Russischen flüsterdolmetschen. Immerhin spricht er die Sätze auf Deutsch akzentfrei nach. Unser Mittlerer macht sich nicht so viele Gedanken und erzählt Oma einfach alles auf Russisch. (Hat er wohl von seiner Babuschka, die Kommunikationsschwierigkeiten nicht kennt. Bei ihren Besuchen in Deutschland sprach sie mit jedem Russisch und fühlte sich immer verstanden. Die Gegenseite blieb allerdings häufig etwas irritiert zurück.) Am Anfang unseres Aufenthaltes war es übrigens umgekehrt, da sprach der Mittlere mit allen ausschließlich auf Deutsch. Und schaffte es auf dem Spielplatz irgendwie immer, von allen anderen Kindern und Erwachsenen Salzstangen und Süßigkeiten zu bekommen. Muss wohl die deutsche Höflichkeit gewesen sein.

Immer wieder kommt es jedoch zu Missverständnissen, wenn sich andere Erwachsene unserer Kinder annehmen, weil sie meinen, den Kleinen drohe Gefahr. Meist tun wir dann so, als wären es nicht unsere Kinder und schauen nicht hin, wenn die Jungs vom Klettergerüst „gerettet“ oder vom Boden aufgehoben werden. Die Jungs irritiert das freilich, sie wollen ja gar nicht gerettet werden! Aber das merken die Erwachsenen nicht. Gerettet ist gerettet. Wir bleiben selbstverständlich nicht aus Bequemlichkeit weiter auf der Bank sitzen. Wir wissen eben, wann wir lieber schweigen. So lernen unsere Kinder wie von selbst, was man auf russischen Spielplätzen darf und was nicht. Solange andere Eltern dabei sind.

Abenteuerlust und Selbstständigkeit unserer Kinder sind indessen Phänomene, die sich größtenteils nur außerhalb unserer Wohnung zeigen. Eine nicht unerhebliche Rolle scheinen dabei nämlich Wohnungstüren zu spielen. Noch kann ich es wissenschaftlich nicht beweisen, aber ich beobachte täglich, dass Wohnungstüren über bestimmte noch unerforschte physikalische Eigenschaften verfügen müssen. Und das scheinbar länderübergreifend! Sobald sie von den eigenen Kindern in Richtung Wohnung durchschritten werden, setzen sie ein Kraftfeld frei, das kindliche Eigenständigkeit sofort neutralisiert. Besonders stark interagiert dieses Feld mit Anziehsachen, die plötzlich weder allein an- noch ausgezogen werden können. Merkwürdigerweise ist auch jegliche Kreativität mit Eintritt in die eigenen vier Wände bereits ausdiffundiert. Übrig bleiben nölende Kinder, die monoton „Süßigkeiten! Trickfilme!“ fordern. Das ist sehr schlecht für Nerven und Selbstwertgefühl der Eltern… Deshalb gehen wir auch bei eisigem Wind und minus 10 Grad mit Vergnügen auf den verwaisten Spielplatz vor unserem Haus. Zwar müssen wir uns dann von vorbeieilenden Leuten Kommentar Nummer drei zum Baby in der Trage anhören („Dem ist doch kalt da hinten!“). Aber die beiden größeren sind wieder fröhlich umherspringende Kinder, die uns stolzen Eltern Lob und Anerkennung der Hausbewohner sichern. Klar, derer, die nicht direkt neben oder über uns wohnen. Somit haben wir mal wieder alles richtig gemacht. Kinder sind einfach toll!

Fazit: Unser Leben in Russland mit Kindern ist aufregend normal. Wir lernen täglich gemeinsam mit unseren Kindern eine Menge über Russland, über Deutschland und vor allem über uns selbst. Wer jetzt noch nicht genug vom Thema Kinder hat, der freue sich auf einen der nächsten Beiträge, der unsere Odyssee bei der Suche nach einem passenden Kindergarten zusammenfasst.

Hier noch die Rätselfrage zum Abschluss: Was ist ein „Känguru“ (kenguru)?

a) Eine Bezeichnung für mehrsprachige Kinder, die zwischen mindestens zwei Sprachen umherspringen können.

b) Der Ausdruck für übervorsichtige Mütter oder Väter, die ihr Kind ständig vor den Gefahren des Alltags beschützen wollen und es einem Känguru gleich am liebsten in ihrem Beutel verstecken würden.

c) Die Sammelbezeichnung für Babytragen, mit denen man Babys und Kleinkinder auf Bauch oder Rücken umhertragen kann.

d) Eine Hüpfburg.

Die richtige Antwort lautet c). Kenguru ist eigentlich der russische Markenname, hat sich aber ähnlich wie Manduca in Deutschland als Synonym für Babytragen durchgesetzt. Ja, es gibt also durchaus Babytragen und Tragetücher in Russland! (Letztere werden übrigens als „Sling“ bezeichnet.) Wir haben auch schon handgenähte Tragen, in Stavropol hergestellt, in einem Geschäft gesehen. Auf der Straße sind sie jedoch (noch?) sehr selten anzutreffen. Obwohl sie das Leben so erleichtern. Da man in öffentliche Verkehrsmittel hier keinen Kinderwagen mitnehmen kann, ist es eigentlich die einzige Variante, sich mit Kind ohne eigenes Auto in der Stadt frei zu bewegen… Naja, wir machen jedenfalls weiter fleißig Werbung mit Baby auf dem Rücken. Vielleicht auch deshalb, weil wir bis vor kurzem ein zweites russisches Sprichwort nicht kannten: „Glück ist ein Buckel, der schwer zu tragen ist.

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3 Gedanken zu „„Kinder bedeuten Glück“ (Deti – eto shchastie)

  1. Liebe Jana, wir freuen uns so sehr über den Blogeintrag, außer darüber, dass die Jungs „deutsch-faul“ werden. Ich habe manchmal Sorge, dass sie Selma und ihre Eltern nicht mehr kennen und dann könnten sie ggf. gar nicht mit Selma-Popelma kommunizieren. Die Kommentare bezüglich der Manduca habe ich in der deutschen Provinz auch oft gehört. Auch im Speckgürtel von Berlin, wo Jonas seine Wurzeln hat, geht man davon aus, dass die Babys in der Trage keine Luft bekämen. Erstaunlicherweise überleben es die Babys im städischen Raum immer. Aber eine penetrante 70jährige hat an unsere Trage noch keine Hand angelegt. Schön, dass ihr im militarisierten Russland den Spieß umdreht und die Jungs als „Waffe“ einsetzt. Wir drücken euch!

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  2. Oh, how I loved reading from your blog! It is such a great way to „see“ my family.
    What interesting details that you give about life there. A „stretcher?…an interesting thing to read about. I too, wondered at first glance about the „backpack“. I did appreciate the photo of the boys as they walked in their snow clothes and boots. I wonder what the ages are for kindergarten there? Is this word also the same as we use to call „pre-school“, or is it really a part of the school system as it is here in America.

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