Russische Feiertage: Neujahr und Weihnachten

Die Zeit zwischen altem und neuen Jahr wird überall gern für Jahresrückblicke genutzt. Da unsere familiäre Zeitrechnung ab 2017 lediglich in die Abschnitte „vor“ und „in Russland“ unterteilt wird, bleiben wir weiterhin in letzterem und widmen uns in diesem Beitrag lediglich dem Thema Jahresendfeiertage.

Schnee in Stavropol

Die beginnen am Abend des 31. Dezember, wenn alle auf Neujahr warten. Neujahr ist in Russland ein Familienfest und entspricht von der Feiertradition etwa unserem Weihnachten, kombiniert mit einigen Silvesterelementen. Die ganze Stadt ist weihnachtlich geschmückt und die Kinder verkleiden sich wie bei uns zu Fasching. In den Wohnungen blinken Lichterketten und Tannenbäume mit silbernen Girlanden, es gibt viel zu essen und Ded Moroz und seine Enkelin Snegurotschka bringen die Geschenke. Um Mitternacht werden Feuerwerke gezündet und die Jugend zieht weiter um die Häuser.

Man gratuliert sich fleißig eine ganze Woche: zum bevorstehenden Feiertag („s nastupajushchim“), zum Feiertag selbst („s prazdnikom“) und zum bereits vergangenen Feiertag („s nastupivshchim“). Zeit hat man dafür, denn dieses Jahr ist bis zum 8. Januar arbeitsfrei. Zumindest, wenn man in staatlichen Einrichtungen arbeitet. Für die Privatwirtschaft gilt dies nicht und sowohl die großen Geschäfte als auch die kleinen Lebensmittelläden haben geöffnet. Da Geld eines der beliebtesten Geschenke ist, – und weitaus üblicher als bei uns –, kann es so gleich wieder ausgegeben werden.

Statistiken zu den Weihnachtsgeschenken der Deutschen rufen in Russland übrigens reichlich Verwunderung hervor. CDs und DVDs auf Platz 2? Hat man hier schon lange nicht mehr gesehen, höchstens als Schmuck für den Weihnachtsbaum. Zwar wurde die Freiheit der russischen Facebook-Variante „Vkontakte“ (97 Millionen aktive Nutzer im Monat) so beschnitten, dass Musik und Filme nun auch in diesem virtuellen Archiv nicht mehr einfach herunterladbar sind. Aber wer suchet, der findet nach wie vor alle wichtigen Videos und Audiodateien auf entsprechenden russischen Seiten.

Auch wir haben dieses Jahr die Statistik bestätigt, denn der deutsche Weihnachtsmann hat am 24. Dezember viele deutsche Hörspiele in CD-Format gebracht. Und einen Radio-CD-Player, den wir glücklicherweise auch in Russland noch nicht im Antiquariat kaufen mussten. (Wobei wir uns schon gefragt haben, wer außer uns solche Geräte kauft…?)

Ansonsten schenkt man sich in Russland eher Kleinigkeiten à la Nanu-Nana. Besonders beliebt sind allerlei Figuren zum Hinstellen und Hinhängen oder Magnete für den Kühlschrank, am liebsten mit dem Horoskop des Chinesisches Neuen Jahres. Aktuell: Hunde in allen Variationen. Wer meint, es geht nicht kitschiger – doch, jedes Jahr wieder! Im Hause unserer Babuschka sammeln sich diese Figürchen und Plüschtiere dann über die Zeit in den Schrankwänden. Als Erzieherin in einem Kindergarten bekommt sie leider besonders viele Aufmerksamkeiten… Glücklich ist der, dessen Figuren nicht auch noch ohrenbetäubende Lieder von sich geben, wenn man aus Versehen einen Knopf oder ein Körperteil drückt. Komischerweise halten die Batterien dieser nervigen Spielzeuge IMMER ewig. Und die Lautstärke lässt uns hochsensible Menschen sofort aufspringen. Da fehlt in unserer Sozialisation der letzten Jahre einfach der gewisse Grundlärmpegel. Der wird in Russland nämlich durch den überall im Hintergrund auf voller Lautstärke laufenden Fernseher abgesichert. (Hinweis: Zum Thema Lautstärke wird es zeitnah eine Extra-Abhandlung geben.)

Das bei uns klassische Buchgeschenk taucht in den offiziellen Statistiken zu Weihnachts- bzw. Neujahrsgeschenken in Russland nicht auf. In meiner privaten Umfrage schenkte oder wünschte sich bedauerlicherweise ebenfalls niemand Bücher. Von meinen Studierenden bekam ich jedoch einen Büchergutschein für eine große Buchkette und habe mich sehr gefreut! Frau George ist eben ein bisschen altmodisch. Wobei es ja doch noch andere Leute geben muss, die Bücher kaufen. Vermutlich dieselben, die auch CD-Player kaufen.

Womit wir wieder bei Geschenken für Kinder sind. Kinder bekommen zu Neujahr traditionell einen „Kuljok“: ein Säckchen mit vielen Süßigkeiten. Für unsere Jungs der Hauptgewinn! Neben den Plastikpistolen von der Verwandtschaft… Sind wir ja schon gewohnt. Nach deutschen(!) Spielzeugsoldaten und Panzern mit Fernsteuerung kein überraschendes Geschenk. Der Schutz des Vater-Landes kann schließlich nicht früh genug beginnen. So müssen mein Mann und ich nun stets beim Befehl „Nachladen!“ strammstehen und nachhelfen, wenn die kleinen Kinderhände des Mittleren bei der Durchladebewegung abrutschen. Auch unsere Babuschka – hatte ich erwähnt, dass sie in einem Kindergarten arbeitet? –  argumentiert gern militärisch: „Wer ein richtiger Soldat werden will, muss aufessen.“ Immerhin, in unserem russischen alternativen Kindergarten gibt es nur friedliches Holzspielzeug und wir hoffen, dass die Phase im Leben der Verwandtschaft genauso vorüber geht wie bei den Jungs. Bei uns halten derartige Plastikgeschenke (im Gegensatz zu denen mit Geräuschen) sowieso nie lange. Im Klo versenkt, draufgetreten, auseinandergenommen und nur die Hälfte wiedergefunden, können wir sie recht schnell wieder entsorgen. Wäre eigentlich ein Grund zur Freude, wenn mir wegen der fehlenden Mülltrennung nicht jede weggeworfene Plastetüte sofort ein schlechtes Gewissen machen würde. Aber dies soll gleichfalls Thema eines gesonderten Beitrags sein.

Auf das weltliche Neujahr folgt am 7. Januar das orthodoxe Weihnachtsfest, das von deutlich weniger Leuten gefeiert wird. Am Abend des 6. Januar bringt man Freunden und Verwandten „kut`ja“, gekochten Weizen mit Rosinen und Honig und Nüssen. Kinder singen Lieder und bekommen dafür Süßigkeiten. (An dieser Stelle werden sich unsere Kinder sicher erinnern, dass sie orthodox getauft sind.) Spätabends geht man in die Kirche. (Hier haben sie es bestimmt wieder vergessen.) Unser Teil der Verwandtschaft, der sich der Kosakentradition verschrieben hat – und damit auch der Kirche – feiert übrigens nicht Neujahr, sondern nur das orthodoxe Weihnachten. Ist aber eher die Ausnahme.

Sollte man nach all den Festtagen immer noch nicht feiermüde sein, kann man am 14. Januar das „Alte Neue Jahr“ nach dem julianischen Kalender feiern und die guten Vorsätze fürs Neue Jahr so noch etwas hinauszögern.

In diesem Sinne wünschen wir allen ein glückliches 2018, voll Gesundheit und Energie, mit mehr Büchern und weniger Plaste, noch mehr Schnee und immer einem Grund zum Feiern

Und ganz zum Schluss noch das traditionelle Rätsel:

Was bedeutet es, wenn jemand am Jahresende fragt, ob er einen „avtomat“ (Automat) bekommen kann?

a) Dass er/sie sich unseren neuen Geschirrspüler, den wir uns zu Weihnachten gegönnt haben, ausleihen möchte.

b) Dass er/sie sich sehnlichst ein automatisches Spielzeugmaschinengewehr zu Weihnachten wünscht.

c) Dass man das neue Auto auf Kredit mit Automatikschaltung möchte.

d) Dass der/die Studierende von der Prüfung im Januar befreit werden möchte, weil er/sie für das Erreichen der Bestnote bereits die entsprechenden Punkte während des Semesters gesammelt hat. 

Auflösung: Die Bezeichnung „avtomat“ im Russischen kann zumeist Synonym zu unserem „Automat“/“automatisch“ verwendet werden, wobei beim Geschirrspülautomat wiederum der Begriff „maschina“ (Maschine) üblich ist. Maschinengewehre und Automatikschaltung werden dagegen häufig als „avtomat“ bezeichnet. Die richtige Lösung (d) kommt aus dem Universitätskontext und bezieht sich auf die Vermeidung unnötiger Prüfungsvorbereitungen seitens der Studierenden. Da mir die Frage allerdings vor dem Überreichen des Büchergutscheins gestellt wurde, habe ich höflich, aber streng abgelehnt und lasse alle zur Prüfung antreten. Vielleicht fällt die Gutscheinsumme dadurch im nächsten Semester etwas höher aus…

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