Comedy-Casting und Krieg

März. Es ist wieder Casting-Zeit für für die Stand-up-Show „Otkrytyj Mikrofon“ des Fernsehsenders TNT in Moskau. Vor einem Jahr war ich zum 2. Mal dabei, schaffte es in die 1. Runde, durfte aber während der laufenden Produktion nicht darüber schreiben. Vor zwei Jahren begann zeitgleich mit dem Festival die Corona-Pandemie. In diesem Jahr ist Krieg und ich beobachte das Festival aus Deutschland.

Warteschlange bei der Registrierung, Festival 2021
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Warum in Russland niemand gegen den Krieg auf die Straße geht

Der Krieg in der Ukraine ist eine Tragödie, schreibt meine Moskauer Freundin Ira auf Facebook. Menschen sterben. Eine Schande für Russland. Ira ist eine Intellektuelle, Ärztin, Künstlerin, Mutter zweier Jungs. Sie hat noch diesen kultivierten sowjetischen Feingeist. Sie versteht alles und alles, was sie tun kann, ist hilflos in sozialen Netzwerken zu posten. Die Ohnmacht hat sich endgültig in Russland breit gemacht.

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Bloß nicht berühmt werden! – Stand-up für „Erwachsene“ (Teil 2)

In der ersten Staffel des Projekts „Stand-up für Erwachsene“ war ich kurz vor der Ziellinie gescheitert. Überraschenderweise hieß es dann im Februar, dass es eine zweite Staffel geben sollte. Ich überlegte lange, man hatte mich ja schon einmal abgelehnt. Vermutlich war das einfach nicht mein Weg. Aber mein Umfeld meinte, man müsse immer alles mehrmals probieren!

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Bloß nicht berühmt werden! – Stand-up für „Erwachsene“ (Teil 1)

Die letzten eineinhalb Jahre intensiver Beschäftigung mit Stand-up-Comedy zeigen erste Auswirkungen. Jetzt muss ich aufpassen. Bloß nicht zu früh berühmt werden. Für eine nachhaltige Karriere sei das nämlich gar nicht gut, sagen alle Komiker*innen, die lange keiner kannte und die, die man bis heute nicht kennt. Außerdem lerne man Demut nur durch die „Ochsentour“, wo man vor halbleeren Sälen spielt.

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Weiß wie Schnee. Eine Politthrillerkomödie

Wir sind in den Bergen. Dieses Mal im „Prielbrusje“, dem Gebiet um den höchsten Berg Europas, den Elbrus (5642 m). Wir haben eine kleine Hütte im rustikalen Ethnostil. Um uns herum jede Menge Schnee, die Kinder sind begeistert, rodeln auf ihren Schneeringen, bauen Festungen… Dann die Nachricht von Katja aus Stavropol im Chat: Vor ihrer Tür stehen drei Männer in Zivil und der Revierpolizist ihres Viertels; sie solle sofort aufmachen! Gegen sie wird wegen Falschgeld ermittelt.

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Stand-up in Moskau

Vor mir liegen zwei Wochen Stand-up-Auftritte in der russischen Hauptstadt, im märchenhaft schönen, lichtergeschmückten Moskau, das ich hauptsächlich in der dunklen Tageshälfte sehen werde! Mein Weihnachtsgeschenk an mich in diesem Jahr. Danke an Babuschka, die in der Zeit die Kinderbetreuung übernimmt und an den Ehemann, der meine Stand-up-Leidenschaft ernst nimmt. Während in Deutschland das öffentliche Leben gerade komplett heruntergefahren ist, sind in Moskau lediglich die Museen und Theater über die Feiertage geschlossen. Restaurants, Klubs und Cafés müssen um 23 Uhr dicht machen. In den Geschäften wird man nur mit Maske bedient, die Mikrofone bei meinen Auftritten werden allerdings nie desinfiziert. Ich bin in einer anderen Welt, die sich trotz Corona weiterdreht. Einblicke in einen Teil der Moskauer Stand-up-Szene. (Der Jahreszeit entsprechend gibt es in diesem Text endlich das Gendersternchen *.)

Vik, mein Komikerkollege aus Moskau, und ich vor meinem Auftritt im Stand-up-House.
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Von Spiegeln, Socken und dreimal Spucken. Aberglaube in Russland

Dem Aberglauben geht es gut in der russischen Provinz. Manchmal belächelt, aber vom Aussterben weit entfernt. Selbst meine oppositionelle Freundin Katja kann sich davon nicht frei machen. Ziemlich bedrückt kam sie letztens bei mir an. In ihrer Wohnung war ein Spiegel zerbrochen und nun jammerte ihre Mutter, es würde ein Unglück geben. Und Katja litt mit, denn die letzten beiden Male, als ein Spiegel zerbrach, war auch jedes Mal etwas Schreckliches in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis geschehen… Gut, dass Nawalny zu diesem Zeitpunkt seine Vergiftung schon hinter sich hatte.

Ein beliebter Aberglaube: Vor der Abreise z.B. in eine andere Stadt ein paar Minuten einfach schweigend sitzen, damit auf dem Weg alles glatt geht.
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Ein Wochenende am Fluss: Russische Banja, Lagerfeuer und Geselligkeit

Wir haben wieder zwei Nächte in den Bergen von Archyz mit Danila hinter uns. Danila kennt das einzige auf Russisch übersetzte Buch von Reinhold Messner auswendig. Sein Vollbart ist etwas bescheidener als der von Reinhold. Seine Touren mit uns wohl auch – wobei wir das eher nicht finden. Dieses Jahr haben wir den Berg Nadezhda (russ.: Hoffnung) erklommen, kurz vorm obligatorischen Gewitter. Mit Helmen gegen die Steinschläge. Wieder über Felsen und Geröll. Kriechend, kletternd, rutschend, springend. Bei solchen Touren redet man nicht viel. Beim Wandern ist Konzentration gefragt, in den Pausen wird Atem geschöpft und im abendlichen Zeltlager ist jeder mit Essen beschäftigt, bevor er ins Bett fällt. Was soll ich sagen? – Ich liebe es!

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Sag, wie hältst du´s mit der Opposition? Politik im Alltag

Als der Ehemann mir am Frühstückstisch mitteilt „Nawalny liegt im Koma, wahrscheinlich vergiftet“, wird mir schlecht. Scheiße. Ich fühle mich sofort ohnmächtig (gegenüber den Mächtigen) und wütend (wegen der vielen systemimmanenten Ungerechtigkeiten, die ich in meinem Alltag normalerweise nur registriere und die nun durch diese Nachricht aus mir heraus ins Bewusstsein gespült werden). Scheiße.

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Katja mit ihrem Plakat zur Unterstützung der Proteste in Belarus.

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Von der Digitalität in die Illegalität als Realität

Der dritte Monate in der Selbstisolation: Wir haben mehrfach Kontakt mit der Polizei. Ich habe mir in überwallender Naturliebe eine App zur Pflanzen- und Tiererkennung heruntergeladen, lösche sie aber wieder, nachdem sie mir bei dem Yorkshire-Terrier unserer Nachbarn „Homo sapiens“ vorschlägt. Ich wundere mich, dass es einen russischen Ausdruck für social distancing gibt. Es stellt sich aber heraus, dass „socijal`naja distancija“ hier einfach kürzere 1,5m sind. In Russland ist eben der normale zwischenmenschliche Abstand beim Geldabheben am Automaten das Kinn des Hintermenschens auf der eigenen Schulter. Und ehrlich gesagt, fühl ich mich wohler, wenn derjenige dann nicht in Maske ist.

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